Der eine sagt, er isst gerne Fleisch. Der andere sagt: Das ist schlecht für die Welt, ich will jetzt mit dir darüber diskutieren. Der erste sagt: Da habe ich aber keinen Bock drauf, lass mich einfach mein Fleisch essen. Wer ist hier inwiefern (in)tolerant oder ignorant? Ein Klärungsversuch.

In Sachen Toleranz gibt es unterschiedliche Haltungen und Auslegungen. Für die einen heißt das: "Macht, was ihr wollt. Ich kann damit leben, solange ihr nicht gegen irgendwelche Gesetze verstoßt". Matthias Burchardt lehrt als Doktor der Philosophie an der Uni Köln und kann sich mit dieser Einstellung nur zum Teil anfreunden.

Das bloße Ausblenden funktioniert auf Dauer nicht, sagt er. Uns darf nicht alles einfach egal sein: "Tatsächlich muss ich das diskutieren. Dabei ist aber nicht die Frage 'ob', sondern 'wie' ich diskutiere." Hierin zeige sich der feine Unterschied zwischen Moral und Moralismus.

"Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Da fangen dann die Fragen der Moral an."
Matthias Burchardt, Philosoph Universität Köln

Wenn Moral umschlägt in Moralismus, dann geht es nicht mehr wirklich um unterschiedliche Wertesysteme (Fleisch essen ja oder nein), sondern um Macht (wer bestimmt hier die Regeln), sagt Matthias Burchardt. Statt den anderen einzuladen, meine Meinung zu teilen, will ich ihm diese lieber aufzwingen. "Dann wird es fundamental wie in jeder Religion". In Social Media geht das prächtig, da man hier einfach mal etwas raushauen kann.

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Mit der Toleranz ist es sogar noch kniffliger. Was tun, wenn der Hardcore-Fleischesser mit dem Extrem-Veganer diskutieren will: Muss er tolerieren, wenn der andere das nicht will? Matthias Burchardt sagt: Ja. Diese Entscheidung des anderen muss man akzeptieren.

"Der Moralismus versucht, dem anderen seine Wahrheit aufzuzwingen."
Matthias Burchardt, Philosoph

Nur wirklich verständigt hat sich auf diese Weise immer noch niemand. Wie Verständigung funktionieren kann, wissen wir eigentlich, aber es ist der Sprung über den eigenen Schatten, der oft schwer ist. Matthias Burchardt sagt: "Verständigung ist möglich, wenn ich die Perspektive des anderen einnehme, ohne sie zu meiner eigenen zu machen." Die Grundvoraussetzung - so simpel es klingt - ist erst einmal, die Perspektive des anderen verstehen zu wollen.

Weiter gedacht gibt es vielleicht einen gemeinsamen Nenner im Pro- und Contra-Schnitzel-Lager: "Vielleicht findet man sich doch darin zusammen, dass die menschliche Existenz immer etwas Tragisches hat. Dass wir sehr hohe Ansprüche an uns stellen, aber nicht alle erfüllen können." Und dass wir daher auch mal Kompromisse machen müssen.