Das Wahlprogramm der Grünen erinnert an einen Fliegenpilz, heißt es in einer Analyse aus der CDU-Parteizentrale: "Sieht schön aus, ist aber ungenießbar." Wir haben mit einer Pilzexpertin besprochen, ob der Fliegenpilz wirklich so schlecht ist wie sein Ruf.

Mal ganz unabhängig von inhaltlichen Aussagen über das Wahlprogramm der Grünen: Der Fliegenpilz kommt im Vergleich der CDU nicht gut weg. Das hat er aber nicht verdient, sagt Tamara Pilz-Hunter.

"Schön, aber ungenießbar"

Sie ist Pilzexpertin und seit März 2018 eine der ersten vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) geprüften Pilzsachverständigen in Berlin. Und weil ihr euch das wahrscheinlich genau in diesem Moment fragt: Nein, ihr Name ist kein Pseudonym, sondern ihr echter Name. Ihr Vater ist Engländer und der Mann, den sie geheiratet hat, heißt Pilz. Es ist umgekehrt, hat uns Tamara Pilz-Hunter erzählt: Nicht der Job brachte sie zum Namen, sondern der Name führte sie zu ihrer Berufung.

"Der Fliegenpilz ist ganz wichtig für das Ökosystem. Er liefert Pflanzen und Bäumen Nährstoffe und Wasser."
Tamara Pilz-Hunter, Pilzexpertin

Der Fliegenpilz sei ein ganz wichtiger Pilz – so wie die anderen Pilze auch. Er gehöre zur Gruppe der großen Pilze, die Pflanzen und Bäumen Nährstoffe und Wasser liefern. Schlecht sei er also ganz sicher nicht. Er sei sehr wichtig für das Ökosystem.

Fliegenpilz: "Strohhalm" für Bäume

Momentan seien unsere Wälder sehr trocken. Oft kämen die Wurzeln der Bäume nicht an das Wasser heran. Und dabei hilft der Pilz:

Was wir vom Fliegenpilz über der Erde sehen, ist nur der Fruchtkörper, also das Vermehrungsorgan, mit dem der Pilz Sporen bildet und sich verbreitet, erklärt Tamara Pilz-Hunter. Der eigentliche Organismus des Pilzes lebt unterirdisch und besteht aus ganz feinen Fäden, die weit verzweigt sind. Mit diesen Fäden kommt der Fliegenpilz hervorragend an Wasser und Nährstoffe heran, die er seinen großen Nachbarn liefert – wie ein Strohhalm versorgt er so die Bäume.

Der Fliegenpilz sieht nicht immer gleich aus, sondern hat ein paar Variationen, erklärt die Pilzexpertin weiter: mal rot-weiß, mal ein bisschen orange-gelblich. Er kann durch die Sonne verblassen oder durch Regen seine weißen Pünktchen verlieren. Außerdem gibt es noch den braunen Fliegenpilz.

Ibotensäure und Muscarin

Genießbar ist der Fliegenpilz tatsächlich nicht. Er ist giftig – allerdings nicht so giftig, wie man sagt, so die Tamara Pilz-Hunter. Es gebe sehr viel giftigere Pilze.

Lange dachte man übrigens, dass der Giftstoff Muscarin für die giftige Wirkung des Fliegenpilzes verantwortlich sei. Dieser komme aber nur in ganz geringen Mengen im Fliegenpilz vor, so die Expertin. Der eigentlich problematische Stoff sei die Ibotensäure. Diese könne zu den klassischen Vergiftungserscheinungen wie Erbrechen und Durchfall führen.

"Man sagt, dass Schamanen früher den Urin von Rentieren getrunken haben, um die giftige Ibotensäure zu umgehen."
Tamara Pilz-Hunter, Pilzexpertin

Unser Körper wandele die Säure in den Stoff Muscimol um. Dieser Stoff ist verantwortlich für den Rauschzustand, den Fliegenpilze auslösen können. Genau diese Wirkung haben sich früher Schamanen zu Nutze gemacht.

Es habe einen regelrechten Fliegenpilz-Schamanismus gegeben und der Pilz sei für religiöse Rituale benutzt worden. Wahrscheinlich hätten die Schamanen beobachtet, dass Rentiere gerne Fliegenpilze essen - auch Füchse und Eichhörnchen täten das übrigens manchmal. Vermutlich haben die Schamanen den Urin der Rentiere getrunken, um so die giftige Ibotensäure zu umgehen, so die Expertin.

Für religiöse Rituale und als Insektizid

Außerdem sei der Fliegenpilz als Insektizid verwendet worden – er zieht nämlich Fliegen an. Die Menschen hätten ihn in Milch einlegt, die Fliegen seien herbeigeschwirrt und dann in der Milch ersoffen.

"Der Fliegenpilz ist ein Symbol für Glück. Und er warnt vor den Gefahren in der Natur."
Tamara Pilz-Hunter, Pilzexpertin

Der Fliegenpilz ist ein widersprüchliches Gewächs, so die Pilzsachverständige: Neben Klee und Hufeisen gilt der Fliegenpilz als ein Symbol für Glück - gleichzeitig warnt vor den Gefahren in der Natur.

Ein "Symbiose-Pilz"

Fliegenpilze zuhause anzubauen, sei übrigens äußerst schwer. Es sind nämlich Symbiose-Pilze, das bedeutet, man muss die Verbindung zwischen Baum und Pilz herstellen, erklärt Tamara Pilz-Hunter. Dabei sei Baum derjenige, der sich aussucht, mit wem er in Verbindung gehen möchte.