Sollte es Genforschern erlaubt sein, mögliche mentale Unterschiede zwischen Ethnien zu untersuchen? Wissenschaftsphilosophen sind sich da nicht einig: Die einen pochen auf die Forschungsfreiheit, die anderen halten solche Forschung für diskriminierend und sehen damit eine Grenze überschritten.

Die Forschungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Aber sie hat Grenzen, nicht nur juristische. Allerdings sind diese Grenzen schwammig. Wie unterschiedlich sie innerhalb unserer Gesellschaft ausgelegt werden, lässt sich etwa an der Debatte um Gentechnik gut zeigen. Letztendlich müssen wir uns fragen: Sollten unsere Forscher alles tun dürfen, was sie können? Und: Sollten sie alles tun, was sie tun dürfen?

"Forschungsfreiheit ist auch eine individuelle Verpflichtung für einzelne Wissenschaftler, eine Verpflichtung zur Selbstbeschränkung."

Der Bielefelder Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier plädiert für einen möglichst großen Spielraum für die Forschungsfreiheit und zieht ihre Grenze erst bei der physischen Gefährung von Menschen. Die Realität allerdings sieht anders aus, so bebachtet er. Finanzielle Zwänge aber auch außerwissenschaftliche Ansprüche, wie etwa Forderungen aus Gesellschaft oder Politik, schränken die Forschungsfreiheit seiner Ansicht nach ein, sowohl im Bereich der Grundlagen- als auch der Anwendungsforschung.

Freie Forschung schafft Erkenntnis

Diese Einschränkung sei nach Carriers Ansicht ein Nachteil, nicht nur für die Forschung, sondern ein Schaden für uns alle. Denn: Eine selbstbestimmte Forschung schafft mehr Erkenntnis und kann als kritische Stimme in der Gesellschaft funktionieren.

"Forschungsfreiheit ist deshalb wichtig, weil sie das Feld der Optionen, die überhaupt verfolgt werden, erweitert."

Martin Carrier lehrt Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bielefeld und leitet das dortige "Institute for Interdisciplinary Studies of Science", ein interdisziplinäres Institut für Wissenschaftsforschung. Seinen Vortrag "Forschungsfreiheit und Forschungsbedarf: Wissenschaft zwischen Autonomie und gesellschaftlichen Ansprüchen" hat er am 6. Juni 2015 im Rahmen der diesjährigen Akademievorlesungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg gehalten.

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