• Deutschlandfunk App
  • ARD Audiothek
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Aljeen ist Kurdin, geboren im Norden Syriens. Gerade dort gab es zuletzt wieder Kämpfe, die syrische Armee drang in kurdische Gebiete vor. Teile ihrer Familie kann sie seitdem nicht erreichen. Wie ist die Lage in Syrien?

In mehreren deutschen Städten gehen in diesen Tagen Menschen auf die Straße: in Dresden, Münster, Köln, Berlin, Bremen oder Dortmund. Sie demonstrieren für die Kurdinnen und Kurden im Nordosten Syriens. Die meisten Proteste verlaufen friedlich. Doch es gab auch Ausschreitungen: In Dortmund flogen Flaschen, Pyrotechnik wurde gezündet, die Polizei setzte Pfefferspray ein und nahm Menschen fest.

Eine derjenigen, die in Berlin demonstriert haben, ist Aljeen Hasan. Sie ist Kurdin, Journalistin, Buchautorin und Aktivistin, stammt aus Kobane im Norden Syriens und lebt seit mehr als zehn Jahren in Österreich. Für sie geht es bei den Protesten um Sichtbarkeit und Menschlichkeit.

"Es geht darum, Präsenz zu zeigen und klarzumachen: Das sind keine Zahlen. Das sind Menschen, die schon so oft Flucht und den Tod von Angehörigen erlebt haben."
Aljeen Hasan, Kurdin aus Syrien

Syrien weit von Stabilität entfernt

Warum ausgerechnet die Lage im Nordosten des Landes in den letzten Tagen eskaliert ist, erklärt Korrespondent Moritz Behrendt: Es gab heftige Kämpfe zwischen der kurdischen Miliz, den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und Truppen der syrischen Übergangsregierung. "Die syrische Armee ist überraschend schnell vorgerückt", sagt der Journalist. Städte wurden umkämpft, zehntausende Menschen sind geflohen – ein neuer Bürgerkrieg scheint seitdem real.

Am Dienstag (20.01.2026) haben sich die SDF und die Übergangsregierung auf einen viertägigen Waffenstillstand geeinigt. In dieser Zeit soll entschieden werden, ob kurdisch kontrollierte Gebiete wieder unter die Kontrolle des syrischen Staates kommen. Das klingt nach Entspannung, ist aber extrem wackelig. Für die Kurd*innen geht es um Sicherheit und Rechte, die sie sich über Jahre erkämpft haben. Die neue Regierung in Damaskus hingegen strebt die Einheit des Landes nach dem Sturz von Baschar al-Assad an. Und es geht auch um den Zugang zu Öl, das im Nordosten Syriens lagert, so der Korrespondent.

Hinzu kommt, dass bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Übergangsregierung davor gewarnt wurde, dass Minderheiten nicht in die Strukturen eines neuen syrischen Staates eingebunden werden würden, sondern dass ihnen – darunter Jesid*innen, Christ*innen und Kurd*innen – Diskriminierung und Gewalt drohe.

Der Norden Syriens: eine Region, viele Ethnien

Jene Minderheiten leben vor allem im Nordosten Syriens. In Städten wie Rakka sind sunnitische Araber*innen in der Mehrheit – dort wurde die syrische Armee bei ihrem Vorrücken teils bejubelt. In anderen Orten leben Araber*innen, Kurd*innen, Christ*innen oder Jesid*innen zusammen. Und es gibt Städte mit klar kurdischer Mehrheit, wie etwa Kobane und Aleppo.

"Die syrische Armee hat versprochen, militärisch nicht gegen die mehrheitlich kurdischen Orte vorzugehen. Ob sie sich an das Versprechen hält, ist eine ganz zentrale Frage dafür, ob es noch viel blutiger wird als bisher."
Moritz Behrendt, Korrespondent

Auslöser der aktuellen Kämpfe waren vorherige Gefechte um Aleppo. Dort setzten sich die Truppen der Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa gegen die kurdische Miliz durch. Laut Moritz Behrendt fühlte sich die Regierung dadurch gestärkt – und hatte offenbar auch Rückendeckung aus den USA.

Hinzu kommt: Arabische Stammesmilizen, die zuvor mit den Kurden der SDF kooperiert hatten, wechselten die Seite. In überwiegend arabischen Gebieten machte das den Vormarsch der Regierung besonders leicht, so der Journalist.

Bilder, die nicht loslassen

Aljeen beschäftigt sich zurzeit fast ununterbrochen mit der Lage in Nordsyrien. Schlafen falle ihr schwer, sagt sie. Stundenlang schaut sie Nachrichten und ungefilterte Videos vom "Schlachtfeld", wie sie es nennt.

Sie sorgt sich um ihre dort lebenden Verwandten, aber auch um die Zukunft ihres Landes und der Kurd*innen. Sie traut der Übergangsregierung gerade in Hinblick auf die Rechte der Kurd*innen nicht.

"Man sieht so viel Hass und so viel Blut. Das spüre nicht nur ich, das spüren die Menschen dort jeden Tag."
Aljeen Hasan, Kurdin aus Syrien

Besonders belastend ist für Aljeen der fehlende Kontakt zu ihrer Familie. "Am Montag habe ich noch mit meiner Cousine gesprochen", erzählt sie. Kurz darauf brach die Verbindung ab. Nun hätten die Menschen dort kein Internet, kein Wasser und kaum Lebensmittel.

IS-Gefangene und geopolitische Interessen

Ein weiterer gefährlicher Faktor: In Nordostsyrien befinden sich Gefängnisse und Lager mit IS-Kämpfern sowie deren Angehörigen. Bisher wurden sie von der kurdischen SDF-Miliz bewacht. Laut dem Waffenstillstandsabkommen soll die Übergangsregierung diese Aufgabe übernehmen – bisher verlief die Übergabe aber chaotisch und mitten in Gefechten, sagt Moritz Behrendt. Dabei seien zahlreiche IS-Kämpfer entkommen.

Infolgedessen haben die USA angekündigt, mehrere tausend IS-Gefangene aus Syrien in den Irak zu verlegen. Gleichzeitig haben sie – ebenso wie die Türkei – ihre Unterstützung für die Übergangsregierung bekräftigt. Dabei galten jahrelang die Kurd*innen als wichtigste Verbündete der USA im Kampf gegen den IS. "Daher fühlt es sich zurecht für viele Kurden nun wie Verrat an", sagt Moritz Behrendt.

Angst vor dem, was kommt

Aljeen blickt voller Sorgen auf die Zukunft Nordsyriens. Sie fürchtet, dass freigekommene IS-Kämpfer erneut zuschlagen könnten. Und sie schätzt, dass Kobane außerdem von der Türkei angegriffen werden könnte. Hintergrund ist, dass die kurdischen Autonomiebestrebungen der Türkei seit jeher ein Dorn im Auge sind.

"Ich wünsche mir, dass der neuen Regierung nicht zu schnell vertraut wird – vor allem, wenn es um die IS-Gefangenen geht."
Aljeen Hasan, Kurdin aus Syrien

Auch die Einschätzung von Moritz Behrendt fällt wenig optimistisch aus: "Sollte der Waffenstillstand scheitern und die Regierungstruppen weiter in kurdische Städte wie Kobane oder Qamischli vorrücken, drohen extrem blutige Kämpfe und zivile Opfer." Für die Kurd*innen stehe ihre gesamte für die Region erarbeitete Selbstverwaltung auf dem Spiel.

Für Aljeen ist klar: Schweigen ist keine Option. Deshalb geht sie auf die Straße – für ihre Familie, für Kobane, für die Menschen im Norden Syriens. "Für uns ist immer noch Krieg, auch wenn Baschar al-Assad gestürzt wurde." Denn der Hass zwischen Menschen sei immer noch vorhanden.

"Wann hört das endlich auf?", fragt sie.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Kurden
Syrien zwischen Waffenruhe und drohendem Krieg
vom 22. Januar 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartnerin: 
Aljeen Hasan, Kurdin aus Syrien
Gesprächspartner: 
Moritz Behrendt, ARD-Korrespondent für Syrien