14,- Euro Quadratmetermiete ist für Frankfurt am Main ein fairer Preis. Zu bekommen im Bahnhofsviertel. Mit der Drogenszene sollten Mietende allerdings zurechtkommen – die Gastronomie auch.

Drogen, Dreck, Prostitution und Gewalt gehören auch zum Frankfurter Bahnhofsviertel. Die meisten Passanten sagen, sie würden hier nicht herkommen, wenn sie nicht hier arbeiten würden, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Afanasia Zwick. Der 24-jährige Kunststudent Brandon allerdings wohnt in dem Viertel und fühlt sich ziemlich wohl. Manche der Abhängigen in seiner Umgebung kennt er namentlich. Das Verständnis für die Situation der Junkies komme mit der Zeit, findet er.

"Je länger man hier lebt, umso mehr Leute lernt man kennen, auch Drogenabhängige. Manche kennt man mit Namen."
Brandon, Anwohner, über die Drogenszene in seiner Nachbarschaft

Der Altersdurchschnitt der Drogenabhängigen in Frankfurt liegt bei 41 Jahren. Die Szene ist gealtert, erklärt Bernd Werse vom Centre for Drug Research der Goethe Universität. Er ist Soziologe. Diese Alterung sei dem so genannten Frankfurter Weg zu verdanken: Linderung statt Lösung. Auf diesem Credo basiert seit Jahrzehnten die Drogenpolitik der Stadt. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass es utopisch ist, Drogenkonsum komplett zu unterbinden.

"Wir haben Leute aus der Szene befragt, die krasse Traumatisierungen erfahren haben, die haben gesagt: Ich bin Hardcore Bahnhofsviertel-Junkie und werde es bis an mein Lebensende bleiben."
Bernd Werse, Soziologe, Centre for Drug Research, Goethe Universität

Die Drogenszene ist heterogen berichtet Bernd Werse. Zu ihr gehören der Banker, der ab und zu kokst ebenso, wie auch der Junkie, der nur noch beschafft und konsumiert.

Fünf Bettelnde für einen Cappuccino

Nur der harte Kern der Szene ist sichtbar, weil diese Menschen oft obdachlos sind – an dieser Gruppe stört sich vor allem die Gastronomie im Bahnhofsviertel. Ata Macias betreibt dort die Kneipe Plank.

"Es bleiben Leute weg, weil sie keine Lust haben, wenn sie hier ihren Cappuccino trinken, dass sie fünfmal angebettelt werden von, ich würde sagen, echten Freaks."
Ata Macias, Gastronom

Er berichtet, dass Gastronominnen und Gastronomen manche Drogenabhängige mit Kleinigkeiten füttern – Schokokuchen, Pommes und manchmal Kaffee. Auch Brandon kennt die Nachteile der etwas härteren Nachbarschaft, schätzt aber die Multikulturalität und den Quadratmeterpreis von 14,- Euro. Seine Wohngemeinschaft hat riesige Zimmer, eine große Küche und hohe Decken.

"Neben dem Tipico stehen abends 15 Leute draußen. Von den 15 pissen vielleicht alle 15 an die Wände. Hier ist nur Beton, wenn es nicht regnet, riecht das ganze Viertel nach Urin."
Brandon, Anwohner, über Geruchsbelästigung in seiner Nachbarschaft

Die in den vergangenen Jahren zu Luxusimmobilien sanierten Altbauwohnungen im Viertel seien ein Grund, weshalb die Drogenabhängigen jetzt dicht an dicht auf der Straße sitzen, sagt der Soziologe Bernd Werse. Corona habe die Situation noch verschärft.

Corona und Obdachlosigkeit

Manche Süchtige seien durch Corona-Maßnahmen zu einem längeren Aufenthalt auf der Straße gezwungen worden. Immerhin – laut Monitoring-Systems Drogentrends wird sich die Lage zumindest in diesem Jahr nicht weiter verschärfen.

"Es ist die langfristige Entwicklung, was eben Gentrifizierung angeht. Die Räume sind insgesamt für die Szene über die letzten 20, 30 Jahre viel enger geworden."
Bernd Werse, Soziologe, Centre for Drug Research, Goethe Universität
  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Autorin:  Afanasia Zwick, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin