Wenn es ums Erzählen geht, spielt die Schrift in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Dabei wird häufig vergessen, dass in der Geschichte der Menschheit lange Zeit das Erzählen an allererster Stelle stand. Kristin Wardetzky ist Erzählforscherin und bricht eine Lanze für mündliche Ausdrucksformen.

An der Universität der Künste in Berlin werden Erzählerinnen ausgebildet, die danach in Schulklassen entsendet werden. Dort unterrichten sie vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die kein Wort Deutsch verstehen. Kristin Wardetzky schildert in ihrem Vortrag mit großem Enthusiasmus, wie bei diesen Kindern – und auch bei Erwachsenen – dennoch ein Teilverständnis geweckt werden kann. Stimmlage, Modulation, Gestik, Mimik, Körpersprache, Erzählen mit Gegenständen – das sind die wichtigsten Zutaten für einen ganz anderen Deutschunterricht.

Oft zur Verwunderung klassisch studierter Deutschlehrer, die immer noch meinten, jetzt müssten die Kinder aber endlich mal selbst aktiv werden – so berichtet es Wardetzky. Falsch, entgegnet sie ihnen, intensiv und lange zuzuhören erfordere eine große Anstrengung.

"Erzählen ist das Kontrastprogramm zur medialen Welt der sich überstürzenden Bilder, der Short Cuts und der raffinierten Montage."
Kristin Wardetzky, Erzählforscherin

Kritik übt Wardetzky auch an den vom Gesetzgeber beschlossenen Sprachkursen für Menschen, die neu nach Deutschland kommen. Sie spricht aus ihrer persönlichen Erfahrung über eine siebenfache Mutter, die aus Syrien kommt, Analphabetin ist und auf dieser Grundlage die Vorgaben in Deutschland befolgen muss. Solchen Menschen – so Wardetzky – komme die deutsche Sprache wie ein Gebirge vor, das unbezwingbar sei, zumal die offiziellen, manchmal unverständlichen Sprachkurse dieses Empfinden noch verstärkten.

Wardetzky hingegen berichtet von Gesellschaften, die Wissen anders vermitteln. Und die ein Vorbild beim Lernen sein könnten: gemütlich im Kreis um einen Erzähler herumsitzen und jahrhundertealten Geschichten lauschen, die sogar weltumspannend verstanden werden – selbst, wenn man die jeweilige Sprache nicht beherrsche. Doch breche genau diese Art der Vermittlung eine Lanze für den Einstieg in eine noch fremde Kultur. Fast schon ein vergessenes Wunder, von dem in unserer digitalen Welt der Likes und Postings viel zu selten Gebrauch gemacht werde.

Kristin Wardetzky ist Erzählerin und Erzählforscherin im Ruhestand. An der Universität der Künste initiierte sie 2011 die einzige universitäre Weiterbildung für Künstlerisches Erzählen – "Storytelling in Art and Education" am Berlin Career College. Am 11. Februar 2015 wurde der Professorin für Theaterpädagogik das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Gewürdigt wurden ihr außerordentliches ehrenamtliches Engagement und ihre wissenschaftlichen Leistungen, insbesondere der unermüdliche Einsatz, das Erzählen als Kunstform zu etablieren.

Ihren Vortrag hielt sie am 28.8.2019 während der 34. Sommeruni der "Berliner Akademie für weiterbildende Studien". Er stand unter dem Motto: "Erzählkunst als Kulturgut"

Inhaltlicher Hinweis: In dem Vortrag zitiert Kristin Wardetzky aus Werken der Weltliteratur, die rassistische Formulierungen und Vorstellungen beinhalten.