Die japanische Regierung hebt nach und nach die Sperrung der Gebiete um Fukushima auf. Doch viele Menschen wollen nicht zurück. Denn von Entwarnung kann keine Rede sein. Und die Erinnerung an das Ereignis vom 11.03.2011 sitzt tief.

Es ist jetzt fünf Jahre her, dass es im Atomkraftwerk von Fukushima zu einer Kernschmelze in drei Reaktoren kam. Mehr als 150.000 Menschen mussten damals die verstrahlte Region verlassen. Bis heute hat das Land ein Problem mit Fukushima. Radioaktiv verseuchtes Wasser ist ausgetreten, dauerhaft gesichert ist die verseuchte Anlage noch nicht.

Trotzdem: Die japanische Regierung hebt nach und nach Sperrung der Gebiete um Fukushima auf.

Angst um die Kinder

Die Menschen sollen zurück - aber viele wollen nicht. Sie hätten nach wie vor Angst, berichtet unser Korrespondent Jürgen Hanefeld. Viele glauben der Regierung nicht. Vor allem jüngere Familien mit Kindern sind skeptisch. Hinzu kommt: Viele von ihnen haben mittlerweile einen neuen Wohnort gefunden. Anders sei es bei sehr alten Japanern, die würden zurückkehren, weil sie in ihrer Heimat begraben werden wollen, erzählt Jürgen Hanefeld.

Die Vereinigung Ärzte gegen Atomkrieg hat festgestellt, dass es 150 Fälle von Verdacht auf Schilddrüsenkrebs bei Kindern rund um Fukushima gibt - eine hohe Zahl, sagt Jürgen Hanefeld. Verständlich, dass viele Eltern Angst haben.

Eine Frau sitzt mit Atemschutzmaske inmitten von Trümmern und hält zwei Blumensträuße fest.
© dpa

Schreckliche Erinnerungen

Das Tōhoku-Erdbeben hatte damals eine gewaltige Flutwelle ausgelöst, die hunderte Kilometer der japanischen Küste heimsuchte. Der 11. März 2011 war bis dahin ein schöner Tag mit blauem Himmel gewesen. Doch dann, um 14.46 Uhr, baute sich die Welle auf und riss alles mit sich.

"Die Menschen erzählten mir von einer 'schwarzen Wand' - die Flutwelle, die auf sie zurollte, war bis zu 40 Meter hoch."
Jürgen Hanefeld, Korrespondent in Japan

Etwa 20.000 Menschen fielen der Naturgewalt zum Opfer. Sie wurden durch die Gewalt des Meeres aus ihren Häusern gerissen und ins Meer gespült. Auch die Stromversorgung für das Kernkraftwerk wurde durch den Tsunami zerstört. In den völlig zerstörten Gebieten, in den Dörfern, in denen tausende Menschen ihr Leben verloren, sei er auf traurige Schicksale getroffen, sagt der Korrespondent. Zum Beispiel auf die Geschichte einer Frau, die von einem Moment auf den anderen fast alles verloren hat.

"Die Frau hat nichts mehr: Ihre Schwiegereltern sind gestorben im Sturm, ihr 13-jähriger Sohn wurde ins Meer gezogen, ihr Haus ist zerstört. Sie hat nicht mal mehr ein Foto ihres Sohnes."
Jürgen Hanefeld
In einem Modell wird die Ausbreitung radioaktiver Stoffe im Meer gezeigt
Von Fukushima (links auf der Karte) breitet sich Cäsium-137 aus, mit abnehmender Konzentration.

Suche nach den Schuldigen

Das Kraftwerk hätte den neueren Sicherheitsbedingungen angepasst werden müssen. Das kostet aber Geld - und die Betreiberfirma Tepco wollte sparen, sagt Jürgen Hanefeld.

"Es gibt hier eine merkwürdige Unternehmenskultur: Alle verbeugen sich und entschuldigen sich ständig - aber keiner übernimmt die Verantwortung."
Jürgen Hanefeld

Über Jahre sei dafür niemand zur Rechenschaft gezogen worden. Erst vor zwei Wochen wurde Anklage gegen drei führende Tepco-Manager erhoben, sagt Jürgen Hanefeld. Fünf Jahre lang sei quasi nichts passiert.

"Augen zu, Ohren zu und nichts sagen: Man verfährt wie die drei berühmten japanischen Affen. In Japan ist es immer so: Keiner will es gewesen sein."
Jürgen Hanefeld

Verteilung im ganzen Land

Die 150.000 von der Evakuierung betroffenen Japaner wurden übers ganze Land verteilt. Dazu muss man wissen: Die Region um Fukushima war ländlich geprägt. Zum Teil lebten drei bis vier Generationen unter einem Dach.

Jürgen Hanefeld im Gespräch mit Marlis Schaum
"Greenpeace hat Recht, wenn sie sagen: Täglich fließt radioaktives Wasser ins Meer."

Der einzige Grund, warum der Staat auf eine Rückkehr nach Fukushima drängt: Die Umsiedlungen und die Unterbringung an anderen Orten kosten ihn viel Geld. Dazu will die Regierung unbedingt den Eindruck vermitteln: Das Problem Fukushima haben wir gelöst. Und das, bevor die Olympischen Spiele 2020 in Japan Station machen. Flüchtlingen, die sich weigern, nach Fukushima zurückzukehren wird deshalb die Unterstützung entzogen.

Die japanische Flagge an die Wand gesprüht, aus ihr heraus fallen kleine Atomsymbole.

Wo sind die Brennstäbe?

Direkt an der Ruine des Atomkraftwerks von Fukushima wurde viel aufgeräumt, sagt Jürgen Hanefeld. Die Kernproblem bleibt allerdings: Noch immer laufen Hunderttausende Liter verstrahlten Wassers durch den Keller des Kraftwerks, die irgendwie in riesigen Tanks aufgefangen werden müssen.

Eine Eismauer, die verhindern sollte, dass sich das verseuchte Wasser weiter verbreiten kann, hilft offenbar nicht richtig. Dazu weiß niemand genau, wo die defekten Brennstäbe genau liegen. Der japanische Staat und der Betreiber Tepco gehen davon aus, dass der Abriss der Ruine noch mindestens 40 Jahre dauern wird. Und dann ist unklar: Wohin mit dem radioaktiven Schutt?