Pfingstrosen oder ein thailändisches Glückssymbol – Sofie hat insgesamt acht Tattoos. Doch für keines davon würde sie sich heute noch einmal entscheiden. Warum sie ihre Tattoos bereut und welche Fragen wir uns vor dem Stechen stellen sollten.
Sofie ließ sich kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihr erstes und bis heute größtes Tattoo stechen: den Schriftzug "Marry-Me" auf dem Bauch. Damals hatte das Motiv für sie eine persönliche Bedeutung. Sie verstand es als Statement dafür, so akzeptiert zu werden, wie sie ist. "Der Impuls dazu kam, weil ich das bei einem Tattoo-Model gesehen hatte und die Idee einfach ganz cool fand. Außerdem hatte ich damals viele Probleme in meinem Leben", erzählt Sofie.
Heute ist sie 30 und kann sich mit dem Tattoo nicht mehr identifizieren. Sie bereut vor allem, dass sie damals zu schnell zum Tätowieren gegangen ist – ohne groß darüber nachzudenken.
"Ich war gerade erst 18 und bin sofort losgerannt und habe mir das Tattoo machen lassen. Das war überhaupt nicht gut. Es hat mich keiner aufgehalten."
Ein Tattoo, das heute nicht mehr passt
Auch andere Tattoos bereut sie teilweise – etwa weil sie schlecht gestochen wurden oder nicht mehr zu ihr passen.
Sofie denkt aktuell darüber nach, zumindest das "Marry-Me"-Tattoo, das sie besonders bereut, entfernen zu lassen. Nachdem sie ihre Geschichte in den sozialen Medien geteilt hatte, bekam sie jedoch viel Zuspruch von Menschen, die ihr rieten, zu ihrem Tattoo zu stehen und es als eine Art Tagebucheintrag auf der Haut anzunehmen.
Tattoos verkörpern Erinnerungen
Bilder, Sprüche oder Zeichen auf dem Körper zeigen oft unsere Vergangenheit, sagt auch Markus Niebuhr. Er arbeitet an der IU Internationale Hochschule im Bereich Soziale Arbeit und beschäftigt sich dort mit der gesellschaftlichen Rolle von Tattoos.
Für viele Menschen sind diese mit persönlichen Erinnerungen verknüpft, erklärt er: "In einer Studie wurden gut 80 Prozent der Tattoos mit konkreten Lebensereignissen verbunden. Sei es der Tod eines Menschen, eine Beziehung oder eine persönliche Entwicklung.“
"Die Haut wird zum Archiv der eigenen Geschichte."
Auch der Wunsch nach Einzigartigkeit spiele für immer mehr Menschen eine größere Rolle. "Gerade in unserer Welt mit diesem Drang, perfekter, immer schöner, immer besser zu sein, sich selbst Einzigartigkeit und vielleicht auch einen höheren Selbstwert zu verschaffen", so Markus Niebuhr.
Tattoos werden zwar immer gesellschaftsfähiger – aber nicht (wirklich) in der Arbeitswelt
Früher waren Tattoos in unserer Gesellschaft dagegen eher etwas Spezielles und Teil einer Subkultur, erklärt er. "Wen hat man früher in den Medien tätowiert gesehen? Das war unter anderem Marilyn Manson. Heutzutage sieht man auch viele weitere Protagonistinnen", betont er. "Die Menschen werden sichtbarer und trauen sich, sich zu zeigen und nicht nur durch Provokationen abzugrenzen."
Aus Sicht von Markus Niebuhr hat auch eine neue EU-Verordnung für sicherere Tattoofarben dazu beigetragen, dass Tattoos gesellschaftsfähiger geworden sind.
Und doch sind sie nach wie vor nicht überall gerne gesehen – etwa auf dem Arbeitsmarkt. Gerade Frauen mit Tätowierungen würden hier benachteiligt, zeigten Studien. Das sei schon eine wesentliche Einschränkung. Das Vorurteil "Wer tätowiert ist, scheint ein bildungsferner Mensch zu sein" halte sich nach wie vor, sagt Markus Niebuhr.
"Insbesondere tätowierte Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Da gibt es auch viele Studien zu."
Eine (Tattoo-)Entscheidung fürs Leben
Für Sofie steht fest, dass sie die Entscheidung für ein weiteres Tattoo heute anders treffen würde – nämlich deutlich überlegter. "Ich würde es vorher richtig totdenken, ob ich das wirklich für immer haben möchte." Bei einigen Motiven ist sie sich allerdings schon jetzt sehr sicher, dass sie sie nicht bereuen wird, sagt Sofie. "Das sind meine Kinder und meine Oma. Aber andere Tattoos würde ich mir, glaube ich, nicht mehr machen lassen."
"Es geht nie wieder weg"
Und auch falls ihre Kinder später einmal den Wunsch haben sollten, sich tätowieren zu lassen, würde sie das Gespräch mit ihnen suchen. "Ich würde ihnen sagen: 'Wenn ihr das unbedingt machen wollt, macht es. Seid euch bewusst: Es geht nie wieder weg. Wenn ihr es bereut, dann habt ihr halt Pech gehabt.'"
Sofie hat sich ihre Tattoos damals stechen lassen, weil sie in ihrem Umfeld im Trend lagen. Keine gute Idee – zumindest beim ersten Tattoo, findet Sascha Roth. Er tätowiert seit elf Jahren und hat seinen Stil im Bereich Fine Line gefunden. Auf Social Media gibt er Tipps rund ums Tätowieren und zur Entscheidung für oder gegen ein Tattoo.
Das richtige Tattoo finden
"Beim ersten Tattoo würde ich von spontanen Motiven eher abraten und tatsächlich etwas aussuchen, das eine Bedeutung hat und über das man vielleicht auch ein bisschen länger nachgedacht hat." Grundsätzlich spricht für ihn aber auch nichts gegen spontane Tattoos oder Freundschaftstattoos.
"Wenn man zumindest mal zwei Momente darüber nachdenkt und sagt: 'Ja, finde ich eine coole Idee' – dann go for it."
Ähnlich wie Sofie hat auch Sascha Roth Tattoos, die er sich heutzutage nicht noch einmal stechen lassen würde. Schlimm findet er das aber nicht. "Das ist ein Teil vom Leben, das gehört dazu. Wenn man ganz, ganz unglücklich damit ist, dann gibt es ja auch noch Wege, wie man das irgendwie ausbessern kann – überstechen oder lasern."
Klein anfangen? Nicht unbedingt
Er empfiehlt außerdem, beim ersten Tattoo ruhig mutig zu sein. "Nimm das, was du wirklich haben willst. Die Frage kommt natürlich oft: 'Soll ich vielleicht lieber erst mal mit etwas Kleinem anfangen? Was ist die beste Stelle?'", so Sascha Roth. "Aber wenn dein Herz daran hängt, dass du dir gerne ein riesiges Backpiece von einem Drachen stechen lassen willst, dann solltest du es machen und nicht erst mal irgendwie etwas Kleines am Handgelenk."
"Ich hatte schon Leute, die haben den ganzen Rücken für ihr erstes Tattoo bekommen oder die ganze Brust vorne voll. Einfach das machen, was man wirklich fühlt."
Wer verschiedene Ideen hat und darunter auch ein kleineres Motiv ist, dem würde Sascha Roth allerdings schon zu einem solchen Tattoo raten, weil die Schmerzen geringer und der Heilungsprozess schneller sind. "Gerade beim ersten Tattoo ist man ja extrem aufgeregt. Und wenn dieser ganze Prozess ein bisschen kürzer und übersichtlicher ist, dann hilft das schon enorm."
Lieber nicht mit dem Hals beginnen
Für den Anfang empfiehlt Sascha Roth, sich ein Tattoo an den Armen oder Beinen stechen zu lassen. "Da ist der Schmerz recht übersichtlich. Nah am Handgelenk, in der Armbeuge oder Ellbogen zieht es schon ein bisschen mehr." Wovon er abrät: den Hals als erstes zu nehmen.
Es gibt auch Stellen, die Sascha Roth grundsätzlich gar nicht sticht - an Hand oder Finger zum Beispiel. "Dort ist die Hautbeschaffenheit ein bisschen anders. Da weißt du im Vorfeld nie so hundertprozentig, ob das auch wirklich schön verheilt. Das kann dann extrem schnell verlaufen."
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