Fußballsachverstand leiste einen Beitrag zur Emanzipation, sagt Dagrun Hintze. Sie ist erklärter Fußball-Fan.

Dagrun Hintze ist Autorin und Fußballfan - dass sie Ahnung von Fußball hat, versteht sich dabei allerdings nicht für alle von selbst. Noch werden Frauen in der Fanszene nicht immer ernst genommen. Da lässt sich aber noch was machen, davon ist Dagrun Hintze überzeugt.

Keine "Event-Tussis"

Die Angriffe auf ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann, die vergangenes Jahr als erste Frau ein EM-Spiel kommentierte, hat die Theaterautorin ungläubig verfolgt. Selbst wenn sie einrechnet, dass sich im Social Web einige wenige Pöbler überlaut aufplustern, war der Shitstorm dem Jahr 2016 nicht angemessen. Dass Frauen mit im Fanblock sitzen, ist schließlich längst Standard.

Es gäbe zwar immer noch den Vorwurf, dass das jetzt "Fan-Tussis" oder "Event-Tussis" seien, sagt Dagrun Hintze, dagegen hat sie aber ein gutes Mittel: "Ich mache eigentlich immer positive Erfahrungen, wenn es zum Gespräch kommt und das Gegenüber sieht: Da interessiert sich wirklich jemand für Fußball."

"Stress kriegen eigentlich immer nur die Typen, die selber gar nicht so viel von Fußball verstehen und dann das Gefühl haben, da wildert jemand in ihrem Bereich und ihre Männlichkeit behaupten wollen."
Dagrun Hintze

Liebe auf den ersten Blick war es mit ihr und dem Fußball übrigens nicht. Kultur und Fußball, das ging für sie früher nicht zusammen. Geändert hat sich das mit einem Schlag. Besser gesagt mit fünf verschossenen Elfmetern beim EM-Halbfinale 2000 Holland gegen Italien. Da entdeckte sie das theatralische Potenzial des Sports und begann, sich tiefer damit zu beschäftigen. Heute ist sie erklärter BVB-Fan.

"Wer Fußball erleben will, muss die Bereitschaft haben, das jetzt für 90 Minuten zur wichtigsten Sache auf der Welt zu erklären."
Dagrun Hintze

Dagrun Hintze meint, wer sich wirklich auf eine Sache einlassen will, müsse einerseits Wissen ansammeln, um sie beurteilen zu können (beispielsweise die Qualität des Spiels zu sehen). Andererseits müsse er bereit sein, sich emotional darauf einzulassen. Ihr Buch "Ballbesitz" versteht sie als Angebot an noch mehr Frauen, sich auf Fußball einzulassen und rauszufinden, ob es einem Spaß macht. Denn das könnte sich auch anderweitig auszahlen.

"Da gibt es immer noch einen Überraschungseffekt: Wer als Frau was von Fußball versteht, kann Männer kalt erwischen. Das sorgt unter Umständen dafür, dass sie einem auch bei anderen Themen besser zuhören."
Dagrun Hintze

Gleichzeitig müssten aber auch die Männer vielleicht eine Spur entspannter durchatmen. Mehr Frauen auf der Tribüne und auch in den Journalistenrängen würden dem Fußball gut tun, sagt die Autorin: "Bestimmte Rituale und Kommunikationsformen im Fußball sind immer noch sehr männlich." Vielleicht würde der Fußball dann an einigen Stellen freundlicher, sozialer, intelligenter. Das heißt aber nicht, dass er weniger aufreibend und mitreißend sein muss.