Nur zehn Prozent der Kaiserschnitte, die in Deutschland gemacht werden, sind medizinisch notwendig. Über die Kaiserschnitt-Rate wird seit jeher gestritten. Für die Frage, wann zu einem Kaiserschnitt geraten werden sollte, gibt es nun aber neue Leitlinien.

Werdende Eltern müssen sich irgendwann die Frage stellen, wie das Kind zur Welt kommen soll – auf natürlichem Weg oder per OP - sprich Kaiserschnitt. In einigen Fällen wird zum Kaiserschnitt geraten, beispielsweise wenn das Kind kurz vor der Geburt nicht mit dem Kopf nach unten liegt. In den meisten Fällen ist es medizinisch aber gar nicht notwendig, einen Kaiserschnitt zu machen.

Wann aber doch zu einer OP – einem Kaiserschnitt – geraten werden sollte, dafür gibt es jetzt eine neue Leitlinie, die von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) herausgegeben wurde. Das Dokument ist nach dem höchsten möglichen Standard für Leitlinien verfasst worden. Neben der DGGG waren noch 17 medizinische Fachgesellschaften beteiligt.

Kaiserschnitt versus vaginale Geburt

Die Leitlinie umfasst eine aktuelle Faktensammlung sowie den aktuellen Forschungsstand und soll Grundlage für Empfehlungen sein. Die zentrale Fragestellung dreht sich um die Risiken des Kaiserschnitts im Vergleich zur vaginalen Geburt. Aspekte unter diesem Punkt sind etwa, wann Schwangeren, die schon einen Kaiserschnitt hatten, zur normalen Geburt geraten werden kann; wie hoch die Sterblichkeit von Müttern nach einem geplanten Kaiserschnitt im Vergleich zur geplanten natürlichen Geburt ist, oder was bei Beckenendlage geraten werden sollte.

"Die Suche nach dem optimalen Geburtsmodus in der jeweiligen Situation wird dadurch erschwert, dass sich die Risiken für Mutter und Kind unterscheiden. So ist in einigen Situationen der Kaiserschnitt zwar die sicherere Lösung für das Kind, nicht aber für die Mutter."

In Deutschland ist die Kaiserschnittrate in den letzten 30 Jahren stark gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt waren es 1991 noch 15,3 Prozent, in 2018 kamen mit 29,1 Prozent fast doppelt so viele Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Über die Rate der Kaiserschnitte wird unter Ärztinnen und Ärzten seit jeher gestritten und es gibt keine einheitliche Meinung. In der Leitlinie heißt es: "Eine optimale Kaiserschnitt-Rate ist unbekannt."

"Eine optimale Kaiserschnitt-Rate ist unbekannt."
Zitat aus der S3-Leitlinie für Kaiserschnitt

90 Prozent der Kaiserschnitte in Deutschland medizinisch nicht notwendig

Von allen Kaiserschnitten, die in Deutschland durchgeführt werden, sind laut Studienlage zehn Prozent zwingend medizinisch notwendig, um das Leben der Mutter oder des Kindes zu retten. Typische Fälle, in denen dringend zu einem Kaiserschnitt geraten werde, sind:

  • das Kind liegt in Querlage
  • die Gebärmutter droht zu reißen
  • oder die Plazenta verschließt den Geburtskanal.

Dahingegen gelten 90 Prozent aller Kaiserschnitte in Deutschland aus medizinischen Gründen nicht als zwingend erforderlich. In der Leitlinie heißt es, dass Expertinnen und Experten darauf hinweisen, "dass eine niedrige Kaiserschnittrate begrüßenswert sei, aber nie zu einem ideologisch verfolgten Ziel werden dürfe."

Schaut man europaweit nach der Kaiserschnittrate, liegt Deutschland etwa im Mittelfeld. Die höchste Rate gibt es auf Zypern mit 52,2 Prozent, danach kommt Italien mit 38 Prozent. Niedrige Kaiserschnittraten gibt es in Island (14,8 Prozent), Finnland (16,8 Prozent) und Norwegen (17,1 Prozent).

Kaiserschnittrate hängt auch vom Wohnort ab

Die Kaiserschnittraten sind von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Die Nachrichtenagentur dpa bezieht sich auf Angaben des Science Media Centers, wonach die niedrigste Rate zuletzt Sachsen mit 24 Prozent hatte, während das Saarland mit 40 Prozent die höchste verzeichnete. Jede Zehnte der insgesamt 686 Geburtskliniken bundesweit übersteigt demnach den Toleranzbereich für Kaiserschnittraten. Danach schwanken die Quoten zwischen 10,4 und 66,7 Prozent. Auffällig: Die höchsten Raten produzierten oft kleinere Häuser, aber keine einzige Klinik mit über 1000 Geburten im Jahr. Die Krankenhauspauschale für einen Kaiserschnitt - nach Berechnungen des GKV - liegt bei rund 3000 Euro, für eine natürliche Geburt mit dreitägigem Krankenhausaufenthalt bei ungefähr 2000 Euro.

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