Langweilige Szenen kommen in Richard Ramchurns Film "The Moment" nicht vor, denn mit unserem Gehirn steuern wir, wie sich seine Handlung entwickelt. 

Richard Ramchurn ist Student an der Universität von Nottingham. Er hat eine Software entwickelt, die es möglich macht, dass wir mit unseren Gehirnströmen, den Fortgang einer Filmhandlung bestimmen.

"Wann immer deine Aufmerksamkeit nachlässt, wechselt der Film von einem Erzählstrang zum anderen. Wenn diese Veränderung passiert, bist du wieder aufmerksamer, weil neue Informationen auf dich zukommen."
​Richard Ramchurn​, Creative Director

Das Prinzip ist einfach erklärt: Er setzt Menschen, die sich einen Film ansehen, ein EEG-Headset auf. Das heißt, er verkabelt diese Menschen mit einer Software und misst ihre Aufmerksamkeit. Wenn ihre Konzentration nachlässt, wird ein Befehl an die Software gegeben. Es folgt ein Filmschnitt, die laufende Szene wird beendet und die Handlung wechselt zu einem neuen Erzählstrang. 

"Ich sammle nur Daten über Aufmerksamkeit. Das Headset sendet Informationen über Alpha- und Gammawellen. Mich interessiert nicht wirklich, was in deinem Kopf passiert. Es geht vielmehr darum, deine Aufmerksamkeit mit dem Film zu synchronisieren."
​Richard Ramchurn​, Creative Director

Schon 2014 veröffentlichte er einen Film, der durch die Gehirnströme des Zuschauers beeinflusst wurde. Er maß damals die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Vier Jahre später zeigt der Filmemacher auf einem Filmfestival in Sheffield zum ersten Mal den Nachfolgefilm. 

Unser Reporter Dennis Kastrup hat sich diesem neuartigen Filmerlebnis ausgesetzt. Er hat den Briten Richard Ramchurn in der kanadischen Stadt Montréal getroffen, wo er seinen Film "The Moment" auf einer Konferenz vorstellt. 

Die beiden treffen sich in Richards abgedunkelter Unterkunft. Reporter Dennis Kastrup hat das EEG Headset bereits auf seinem Kopf. Vor ihm steht ein Beamer und ein Computer, der die Daten seiner Gehirnströme nutzen wird. Das Headset sendet seine Gehirnaktivitäten per Bluetooth an den Computer. Auf dem Bildschirm vor Dennis tauchen Zahlen auf. 

Der Film fängt an

"The Moment" beginnt in einer düstereren Atmosphäre. Es geht um eine Zukunft, in der das Verschmelzen von Mensch und Maschine zur Normalität geworden ist. Das ist das grobe Grundgerüst der Geschichte. Was genau passiert, kann niemand sagen: Jeder Zuschauer beeinflusst selbst mit den übertragenen Gehirnströmen, wie sich die Filmgeschichte entwickelt.

"Wir haben jetzt ein gutes deutliches Signal von dir. 100 bedeutet hohe Aufmerksamkeit. 0 wenig."
Richard Ramchurn misst Gehirnströme bei unserem Reporter Dennis Kastrup

Unserem Reporter Dennis gefällt die Vorstellung, dass er den Film alleine mit Gedankenkraft steuern kann. Wann immer seine Aufmerksamkeit nachlässt, wechselt der Film zu einem anderen Erzählstrang. 

Durch diese Veränderung ist der Zuschauer dann automatisch wieder aufmerksamer, weil er versucht, die Informationen, die er bekommt, zu verstehen und zu verarbeiten. Sobald Dennis wieder unaufmerksam wird, verändert sich der Film wieder. Musik und Sound passen sich der veränderten Filmgeschichte an.

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Mit dem Gehirn den eigenen Film steuern

Richards Film "The Moment" besteht aus drei Geschichten oder drei Charakteren. In der Hauptgeschichte spielen die Darsteller miteinander. Insgesamt sind es 18 Szenen, an deren Ende der Zuschauer aus sechs Möglichkeiten auswählen kann. 

Das bedeutet, zuvor mussten sechs Versionen von den 18 Szenen gedreht werden. Insgesamt entstanden dadurch 108 Szenen. Creative Director Richard hat vorher festgelegt, wie die Geschichte weitergeht, wenn jemand aufmerksam oder eben weniger aufmerksam ist. Der Clou: Mit jedem Schauen kann also ein neuer und einzigartiger Film entstehen. Je nachdem in welcher Verfassung wir sind.  

"Ich merke aber schnell, dass meine Aufmerksamkeit sich nicht dem Film selber widmet, sondern der Art und Weise wie er funktioniert."
Dennis Kastrup, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Unser Reporter Dennis empfindet den Film als eine Art Herausforderung: Er möchte die Handlung soweit es geht, mit seinem Gehirn kontrollieren. Bei vielen Szenenwechseln ruckelt das Bild ein bisschen - das ist wohl auf eine schwache Rechnerleistung zurückzuführen. 

Das gibt Dennis aber ein Gefühl dafür, wie oft sich der Film aufgrund seiner gemessenen Aufmerksamkeit ändert. Dennis findet diese Erfahrung spannend, aber am Ende weiß er gar nicht, worum es in dem Film genau ging. 

Bis sich unsere Sehgewohnheiten an dieses Verfahren gewöhnt haben, und bis man diese Methode tatsächlich in einem Kinosaal mit vielen Menschen anwenden kann, wird wohl noch etwas Zeit vergehen.