Gehen ist an sich die scheinbar vertrauteste Tätigkeit des Menschen, trotzdem hat sie sich lange Zeit der exakten wissenschaftlichen Erfassung entzogen.

Der Wissenschaftshistoriker Andreas Mayer hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Wissenschaft im 19. Jahrhundert damit begann, den Akt des Gehens und unsere Anatomie auf die Fortbewegung hin zu untersuchen. Das Interesse am Gehen kam nicht aus heiterem Himmel. Vor allem für das Militär war es interessant, das Gehen beziehungsweise Marschieren zu optimieren.

"Es gibt das Gehen als etwas, das demonstrativ sagt: Ich fahre nicht."
Andreas Mayer, Wissenschaftshistoriker

Um zu erfahren, wie der Körper aufgebaut ist und wie der Lauf-Mechanismus funktioniert, wurden zunächst Leichen seziert. Später dann haben die Wissenschaftler Apparate entwickelt, die am Körper befestigt Informationen über den Akt des Gehens einholten.

Andere Forscher machten Versuche mit der "Abdruckmethode". Dabei wurden die Fußsohlen in Farbe getaucht, die farbigen Fußabdrücke sagten etwas über die Gangart aus. Bei weiteren Untersuchungen, wie Fortbewegung funktioniert, spielte die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Fotografie keine unbedeutende Rolle. Auf die Frage zum Beispiel wann und wie welches Körperteil bewegt wird, ließ sich mithilfe von schnell aufeinanderfolgenden Fotoserien Antworten finden. Der Franzose Étienne-Jules Marey und der Amerikaner Eadweard Muybridge machten sich mit ihren Foto-Serien damals einen großen Namen.

Während der Adel mit der Kutsche fuhr, lief der einfache Bürger - das war die Standardmethode der Fortbewegung. Hinzu kam, dass die Menschen durch die einsetzende Industrialisierung mehr Freizeit hatten und der Spaziergang, das zweckfreie Herumlaufen, zur Freizeitbeschäftigung wurde. Für manche war das Gehen auch ein Protest - nämlich gegen den einsetzenden Verkehr von Kutschen, Straßenbahnen und das damals herrschende Chaos auf den Straßen. Verkehrsordnungen gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert noch nicht.