In Deutschland und in vielen anderen Ländern wird zurzeit ausdauernd protestiert: Schüler, Hebammen, Kohlearbeiter, Milchbauern, Mieterinnen, Taxifahrer oder Castor-Gegner gehen auf die Straße. Junge, Alte, Einzelne, Familien – alle können mitmachen. Zuletzt wurde in den Medien besonders häufig über Demonstrationen in Frankreich, Hongkong und Brasilien berichtet. Wie sich Protest formt und welche Dimensionen er hat, erklärt der Protestforscher Dieter Rucht. Über Symbole und die Zeichen von Protest spricht die Medienwissenschaftlerin Dorna Safaian.

Protestare – für etwas eintreten, Zeugnis ablegen – das ist die Wortwurzel, der Ursprung des Wortes "Protest". Auch wenn wir es heute oft als großes "nein" verstehen, als Ausdruck des Dagegenseins.

Wir erleben gerade viel Protest: Bürger, die zum Demonstrieren auf den Straßen zusammenfinden. Die Möglichkeit, dass wir jetzt auch online Petitionen zeichnen können, ändert daran nichts. Was alles im Protest drinsteckt, hat der Soziologe Dieter Rucht untersucht.

"Dann gibt es eine gewaltige Zäsur: Es kommt die Vorstellung auf, dass Menschen im Wortsinne Geschichte machen können. Wir brauchen dazu keinen König und keinen Gott."
Dieter Rucht, Bewegungsforscher und Soziologe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Dieter Rucht ist einer der wichtigen Namen in der deutschen Protestforschung. Seit den 1980er Jahren erforscht der Soziologe, mit welcher Motivation Menschen soziale Bewegungen bilden, demonstrieren, protestieren.

Wie Protest die Welt verändert

In seinem Vortrag erklärt er außerdem, welche Themen und welche Formen Protest annimmt und auch, unter welchen Umständen Protest Erfolg hat und zu Veränderungen der bestehenden Welt führt. Achtung Spoiler: Eine Anleitung mit Erfolgsgarantie hat er nicht.

"Eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, findet nicht statt."
Joachim Raschke, Politologe, Universität Hamburg

Klar ist: Protest will Öffentlichkeit. Wenn nicht darüber berichtet wird, findet er nicht statt, zitiert Rucht den Politikwissenschaftler Joachim Raschke. Wenn Medien nicht berichten, wenn nicht mehr Menschen als nur die Beteiligten von einem Protest erfahren, bleibt der also ohne Wirkung.

Ästhetik des Protests - Dorna Safaian

Deshalb ist es wichtig, wie Protest aussieht, betont die Medienwissenschaftlerin Dorna Safaian. Welche Symbole und Zeichen sinnbildlich für den Protest stehen, wie er auf die Straße und ins Netz gebracht wird, wie er sein Publikum erreicht, hat eine essentielle Bedeutung für den Erfolg des Protests. Jüngere Bewegungen wie "Fridays for Future" wären ohne die Vernetzung online nicht denkbar.

Vortrag von Dorna Safaian, Medienwissenschaftlerin, Universität Siegen
"Emotion ist eine Ressource, die mobilisiert, wenn sie denn entsprechend adressiert wird."

In ihrem Vortrag beleuchtet Dorna Safaian ein konkretes historisches Symbol für Protest, den Rosa Winkel. Ursprünglich wurde dieses Symbol von den Nationalsozialisten verwendet, um wegen Homosexualität verhaftete Männer in den Konzentrationslagern zu kennzeichnen. Dorna Safaian zeichnet nach, wie sich Teile der Schwulenbewegung, die Homosexuelle Aktion Westberlin, dieses Zeichen in den 1970er Jahren angeeignet haben.

Dieter Rucht ist Soziologe. Vor seiner Emeritierung hat er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und an der Freien Universität Berlin geforscht. Er ist Mitbegründer des Institutes für Protest- und Bewegungsforschung. Seinen Vortrag mit dem Titel "Protest! Eine Einführung" hat er am 17. Juni 2019 auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung in Hamburg gehalten.

Auf dieser Tagung mit dem Titel "Auf die Straße! Politischer Protest in Deutschland" sprach am 18. Juni 2019 auch Dorna Safaian, die Medienwissenschaft an der Universität Siegen lehrt und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Bilder der Empörung" arbeitet. Ihr Vortrag trägt den Titel "Die Ästhetik des Protestes".