Weil ein Rettungswagen ein geparktes Auto blockierte, damit die Sanitäter vor Ort ein Kind reanimieren, rastete der 23-jährige Autobesitzer aus. Leider ist das längst kein Einzelfall mehr.

Schon 2011 führt die Ruhr-Universität Bochum in NRW eine Studie durch, die im Mai und Juni 2017 mit einer Befragung von 4000 Einsatzkräften fortgesetzt worden ist. 2011 gaben 98 Prozent der Befragten an, Opfer verbaler Gewalt geworden zu sein. 59 Prozent berichteten von tätlichen Übergriffen. 

Dass die Aggressivität gegenüber Sanitätern weiter zugenommen hat, belegt auch der jüngste Fall eines Autofahrers, der Rettungssanitäter, die gerade einen kleinen Jungen reanimiert haben, beschimpft hatte. Der Rettungswagen hatte während des Einsatzes das Auto des Mannes zugeparkt. In seiner Wut trat er gegen die Außenspiegel des Rettungsfahrzeugs.

Zahl der Übergriffe auf Sanitäter steigend

Notfallarzt Johannes Wimmer kann aus eigener Erfahrung berichten: Es wird von Jahr zu Jahr schwerer. Früher gab es Anlässe wie Silvester, an denen die Sanitäter schon wussten, dass es wegen hohem Alkoholkonsum Probleme geben könnte.

"Es ist tatsächlich ein richtig großes Problem mittlerweile. Man ist gerade dabei, Zahlen dafür zu sammeln."
Johannes Wimmer, Notfallmediziner

Der Mediziner erklärt sich die gewachsene Aggression gegen Rettungskräfte damit, dass die Menschen immer stärker auf sich selbst fokussiert sind. 

"Wir haben alle soviel Druck, Terminstress und Dinge, die von außen auf uns einwirken, dass jeder denkt: Der andere will mir etwas nehmen, dabei muss ich weiterkommen."
Johannes Wimmer, Notfallmediziner

Hinzu kommt, so Johannes Wimmer, eine zunehmende Abstumpfung durch die tägliche Flut an Katastrophenbildern. "Wie viele tote Kinder sieht man in den Medien?", fragt der Arzt. Im echten Leben könnten viele keine Empathie für in Not geratene Menschen aufbringen. Das sei eine Verrohung der Gesellschaft.

Bislang sind die Rettungssanitäter nicht vorbereitet auf Übergriffe. In Australien werden inzwischen stichfeste Westen an Sanitäter ausgegeben. Aber weder gibt es Selbstverteidigungskurse noch Deeskalationstrainings.

"Ein gutes Gefühl haben die Sanitäter momentan nicht mehr in Deutschland."
Johannes Wimmer, Notfallmediziner

In Zukunft, schätzt der Notfallmediziner, werden Rettungssanitäter wahrscheinlich geschützt oder von der Polizei begleitet zu Einsätzen fahren.

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