Kevin Kühnert ist Juso-Vorsitzender. Der Mann hat allen den Stinkefinger gezeigt. Wir haben uns die jüngere Geschichte dieser kleinen Geste angesehen - und die ganz alte.

Das SZ-Magazin hat den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert für die Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts" fotografiert. Die Vorgabe: Führungskräfte von CDU und CSU nennen ihn den "niedlichen Kevin". Darauf antwortet Kevin Kühnert mit lässig verschlagenem Blick und berührt mit dem ausgestreckten Mittelfinger seinen Mund - Provokation geglückt.

Externer Inhalt

Hier geht es zu einem externen Inhalt eines Anbieters wie Twitter, Facebook, Instagram o.ä. Wenn Ihr diesen Inhalt ladet, werden personenbezogene Daten an diese Plattform und eventuell weitere Dritte übertragen. Mehr Informationen findet Ihr in unseren Datenschutzbestimmungen.

Unser Reporter Stephan Beuting ist der Geschichte des ausgestreckten Mittelfingers nachgegangen. Ursprünglich war die Geste gar keine Beleidigung, sondern sollte dabei helfen, lebensgefährliche Konflikte zu entschärfen.

Ausgestreckter Mittelfinger ersetzt den erigierten Penis

Als die Menschheit begann, mit territorialen Konflikten um Ressourcen zu kämpfen, prallten Männer gegeneinander wie die Chefs von Gorillafamilien. Dazu gehört der erigierte Penis und - in der Folge - der erigierte Mittelfinger als Substitut des erigierten Penis, sagt Reinhard Krüger. Er ist Professor für Romanistik an der Universität Stuttgart.

Die einen kämpften um Lebensraum, andere kämpfen heute um Öffentlichkeit und Wählerstimmen. In beiden Fällen kann die symbolische Geste helfen.

"Zu den symbolischen Kämpfen gehört auch der ausgestreckte Mittelfinger. Er repräsentiert den erigierten Penis und auch die erhobene Waffe, die erhobene Faust, den antretenden Mann."
Reinhard Krüger, Romanist von der Universität Stuttgart

Reinhard Krüger geht davon aus, dass der ausgestreckte Mittelfinger nie ganz weg war. Richtig populär wurde er nachweislich bei den Römern – etwa bei den Dichtern Catull und Martial und eigentlich bei allen römischen Dichtern.

Kevin Kühnert als Gladiator

Ein besonders schönes Mittelfingerexemplar hat Reinhard Krüger in der Zeichnung eines Gladiatorenkampfs auf einer römischen Vase entdeckt. Einer der Gladiatoren hält sein Schwert  mit ausgestrecktem Mittelfinger. Stephan meint, Gladiator Kevin Kühnert mit Schwert und Mittelfinger, das wäre vielleicht eine Idee für das nächste Titelbild vom Spiegel.

Dem Finger haftet immer etwas Prolliges an. Es ist die Geste des Outlaws, so empfinden wir das heute. Für den Romanisten Reinhard Krüger ist das eine Entwicklung des 16. Jahrhunderts.

​"Nach dem ausgehenden 16. Jahrhundert wird eine Kulturschicht über die Gesellschaft geschoben, die dazu führt, dass emotionale Körperausdrücke plötzlich als primitiv gelten."
Reinhard Krüger, Romanist von der Universität Stuttgart

Der Finger als Anti-Establishment-Geste, als Anti-Partei-Establishment-Geste. Das würde passen und auch erklären, warum Peer Steinbrück, damals mit verschränkten Armen und ausgestrecktem Finger, unpassender aussah als Kevin Kühnert heute. 

Schließlich war Peer Steinbrück damals Kanzlerkandidat der SPD und kein junger Juso-Emporkömmling. Vielleicht liegt es aber auch an dem angedeuteten Kuss, den Kevin Kühnert ins Bild legt.

Von medizinischer Herkunft

Bliebe noch die Frage, was den Finger bei uns zum Stinkefinger macht. Reinhard Krüger vermutet einen Zusammenhang mit ärztlichen Untersuchungen.

"Der Mittelfinger ist der längste Finger der menschlichen Hand und der Finger, mit dem Ärzte Körperöffnungen untersuchen. Bei der Gelegenheit könnte man mit dem Finger da landen, wo es nicht so gut riecht."
Reinhard Krüger, Romanist von der Universität Stuttgart

Mehr zum Thema Mittelfinger bei Deutschlandfunk Nova: