Das Gesundheitswesen soll digitaler werden und damit auch einfacher. Das elektronische Rezept ist nur ein Beispiel. Aber die Digitalisierung hakt. Und nicht nur das: Die Probleme werden eher mehr als weniger, so unser Redakteur Konstantin Köhler.

Dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens stockt, dafür hat unser Netzreporter Konstantin Köhler gleich drei Beispiele mitgebracht.

  • Im Dezember 2021 berichtete Konstantin hier bei Dlf Nova über elektronische Rezepte. Und zwar, dass sie zum Jahreswechsel flächendeckend in Deutschland zum Testen eingeführt werden sollen. Aber dann kam der Rückzug: Der flächendeckende Test wurde abgesagt.
  • Nächstes Beispiel: die elektronische Gesundheitskarte. Arztpraxen melden zurzeit immer wieder, dass die Lesegeräte nicht funktionieren, wenn ein Wollpulli in der Nähe liegt. "Kein Scherz", sagt Konstantin. Statische Aufladung soll der Grund für den Fehler sein.
  • Und das dritte Beispiel ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Auch da gibt es Probleme. Die Bescheinigung landet teils bei der falschen Krankenkasse oder das Ende der Arbeitsunfähigkeit ist auf ein Datum in der Vergangenheit terminiert. Auslöser dafür sollen Softwarefehler sein.

Umfrage zeigt: Es gibt eher mehr Probleme bei der Digitalisierung

Und diese drei Beispiele sind eher symptomatisch. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat im Rahmen des "Praxis-Barometers Digitalisierung 2021" 2800 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte befragt. Die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht. "Und die sind schon recht eindeutig", fasst Konstantin zusammen. Mehr als die Hälfte der Arztpraxen bewertet das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Digitalisierung als nicht gut. "Die Anwendungen seien nicht nutzerfreundlich und fehleranfällig."

"Mehr als die Hälfte der Arztpraxen hat gesagt, das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Digitalisierung sei nicht gut."
Konstantin Köhler, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

"Das Besondere bei diesen Zahlen ist die Tendenz", sagt Konstantin. Denn aktuell sind es deutlich mehr Arztpraxen, die Schwierigkeiten festmachen als noch vor zwei Jahren. Wenn die Umfrage belastbar ist, bedeutet das, dass bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens eher mehr Probleme auftauchen als gelöst werden.

Die Bedürfnisse der Anwenderseite werden ignoriert

Auf die Frage nach dem Warum gibt es vermutlich verschiedene Antworten. Eine scheint zu sein, dass Projekte zu schnell umgesetzt wurden, ohne ausreichend auf die Bedürfnisse der Anwenderinnen und Anwender zu hören, so Konstantin.

Außerdem gibt es Kritik am ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung spricht von einer "Ignoranz der politisch und technisch Verantwortlichen". Das Online-Magazin Heise schreibt: "Lang ist die Liste der E-Health-Projekte, die während Spahns Amtszeit in den Sand gesetzt wurden. Termingerecht präsentierte das Gesundheitsministerium kaum eines dieser Vorhaben. Und wenn sie dann doch das Licht der Welt erblickten, wollte sie keiner mehr haben."

"Das ist anstrengende, mühsame Handwerksarbeit. Aber kein Hexenwerk."
Konstantin Köhler, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

"In der IT gibt es den Begriff 'User-centered Design'", sagt Konstantin. Damit wird beschrieben, dass Software oder Hardware nutzerorientiert gestaltet und entwickelt wird - entlang der Bedürfnissen der Anwender*innen. Die werden von Anfang an mitgedacht.

Im Falle einer elektronischen Patientenakte oder einem elektronischen Rezept wären das eben die Patient*innen, Arztpraxen, Krankenhäuser und Krankenkassen. Das seien durchaus komplexe Systeme, aber kein Hexenwerk, findet Konstantin.

  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartner:  Konstantin Köhler, Deutschlandfunk Nova