Häusliche Gewalt ist auch auf dem Land ein Thema für Frauen. Doch wie erreichen sie Hilfsangebote? Die Lösung ist eine mobile Beratungsstelle, die in einem Camper zu den Frauen aufs Land rollt.

Jede vierte Frau ist in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von physischer oder sexualisierter Gewalt durch den Partner betroffen. Psychische Gewalt ist da nicht einmal miteinbezogen.

Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Altersgruppen, Bildungsschichten, betroffen sind Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte – in den Städten und auf dem Land.

"Das Problem war, dass er meine Tochter entführen wollte und mich und den großen Sohn töten."
Lea (Name auf Wunsch geändert) nutzt das mobile Hilfsangebot des Vereins "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung"

Der Verein "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung" im Süden Schleswig-Holsteins ist vor allem für Frauen auf dem Land da. Im vergangenen Jahr waren nach Zahlen des Innenministeriums von Schleswig-Holstein in dem Bundesland knapp 4000 Frauen von Gewalt in der Partnerschaft betroffen.

Gefahr entdeckt zu werden

Frauen, die in einer ländlichen Gegend wohnen und sich auf dem klassischen Weg an eine Beratungsstelle wenden wollen, müssen dafür oft eine weite Strecke zurücklegen. Die Zeit und die Kilometer, die sie auf der Suche nach Unterstützung aufwenden, erhöht teils die Gefahr, dass der gewaltbereite Mann an ihrer Seite das bemerkt. Dadurch kann es zu neuen Gewaltakten gegen sie kommen.

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"Wie will man 60 Kilometer rechtfertigen gegenüber so einem Kontrolletti."
Miriam Peters, Sozialpädagogin beim Verein "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung".

Um betroffene Frauen zu unterstützen und dabei gleichzeitig bestmöglich zu schützen, sind die Sozialarbeiterinnen des Vereins "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung" inzwischen mit einem umgebauten Camper von Dorf zu Dorf unterwegs.

Mobile Beratungsstelle im Camper als Dienstwagen getarnt

Miriam Peters ist 30 Jahre alt und eine der Mitarbeiterinnen, die die Frauen beraten. Sie hat das mobile Angebot vor knapp zwei Jahren mit aufgebaut. Das Ziel war es, eine Alternative zu den Beratungsstellen in den umliegenden Städten anzubieten.

Das mobile Hilfsangebot ist als Firmenwagen getarnt. Das macht es Frauen, die nicht so mobil sind oder auch Angst davor haben, entdeckt zu werden, einfacher, hinzukommen. Die Frauen, die Unterstützung benötigen, können sich online oder
telefonisch beim Verein melden, um einen Termin und einen Treffpunkt zu
vereinbaren.

Oft wird der Camper am Waldrand, an einem Spielplatz oder auf einem Supermarkt-Parkplatz geparkt. Beim Treffen helfen die gut getarnten Beraterinnen im Wagen den Betroffenen dabei, ihre Flucht zu planen und Geldfragen zu regeln. Denn viele Frauen bleiben zu lang bei gewalttätigen Männern, weil sie das Gefühl haben, finanziell abhängig zu sein.

Beratung für finanzielle Hilfestellungen

Die Sozialarbeiterinnen unterstützen unter anderem bei Jobcenter- und Wohngeld-Anträgen und auch bei der Jobsuche und begleiten die Frauen bei Jugendamt- und Rechtsanwaltsterminen oder auch bei der Wohnungssuche. All das muss gut geplant und möglichst anonym und im Geheimen durchgeführt werden.

"Was würde passieren, wenn der Nachbar auf einmal klingelt und fragt: Was ist bei euch denn los? Warum sucht denn deine Frau eine Wohnung?"
Miriam Peters, Sozialpädagogin beim Verein "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung".

Viele Frauen schämen sich, mit einem gewalttätigen Partner zusammen zu sein, und befürchten, dass man ihnen nicht glaubt. Sie zögern deshalb oft sehr lange, bis sie sich entschließen, etwas gegen ihre bedrohliche Situation zu tun.

Erst recht auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt, fällt es ihnen oft schwer, den ersten Schritt zu wagen. Umso wichtiger sei es, mit dem Camper zu den Frauen zu kommen, sagt Miriam Peters, die selbst in der Gegend aufgewachsen ist.

Der umgebaute Camper ist inzwischen ständig im Einsatz: Eine Frau, die keinen anderen Ausweg wusste, durfte auch schon darin übernachten, weil die Beraterinnen so kurzfristig keinen anderen Schlafplatz für sie organisieren konnten.

"Wir werden überrannt. Es ist kaum schaffbar. Wir sind jeden Tag mit dem Beratungsmobil unterwegs, wir haben im Durchschnitt pro Woche drei bis vier Erstanfragen."
Miriam Peters, Sozialpädagogin beim Verein "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung".

Unsere Reporterin Astrid Wulf war bei einem Beratungsgespräch dabei. Die Betroffene fürchtete um ihr eigenes Wohl und das ihrer Kinder. Lea, deren Namen wir auf Wunsch geändert haben, hat es geschafft, sich ein Leben ohne ihren gewalttätigen Ex-Partner aufzubauen. Er wurde verurteilt, ist auf Bewährung draußen – und er weiß nicht, wo sie und ihre Kinder leben.

Bisher ist das Projekt, das die große Anzahl der Anfragen nur schwer bewältigen kann, komplett spendenfinanziert. Weil der Bedarf so groß ist, gibt es Gespräche mit der Landesregierung, solche Camper in ganz Schleswig-Holstein loszuschicken – für Frauen, die außerhalb der größeren Städte leben und von häuslicher Gewalt betroffen sind.