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In ihrem Debütroman "Wovon wir träumen" erzählt Lin Hierse von einem Streit zwischen Mutter und Tochter. Aus der Perspektive der Tochter. Der Streit offenbart, wie kompliziert es ist, sich zugehörig zu fühlen, sich gleichzeitig aber auch loslösen zu können. Von dem Gefühl, unbedingt wohin gehören zu müssen.

Mutter und Tochter haben sich gestritten. Aber der Streit hatte nicht erst eben angefangen, mit den zwei Sätzen, die die Mutter der Tochter im kleinen Garten hinter dem Haus zwischen der Magnolie und dem Rhododendron an den Kopf geworfen hatte.

Beziehung zwischen Mutter und Tochter

Der Streit hatte sich in vielen kleinen gemeinsamen Momenten entwickelt: Beim Reiskochen ohne Reiskocher, beim höflichen Telefonieren mit der fernen Verwandtschaft, beim tiefen Verbeugen in den richtigen Momenten.

"Irgendwo zwischen der Stille und den Worten muss es gewachsen sein, das Unglück, das den Streit eskalieren ließ, die zwei Sätze, die die Tochter so sehr demütigten."
Lydia Herms über "Wovon wir träumen" von Lin Hierse

Die Mutter kann natürlich nicht in die Zukunft sehen. Sie kann nur versuchen, zu retten, was zu retten ist. Aber die Tochter wird sich Jahre später an diesen Streit erinnern, und daran, dass die leisen, gemurmelten Worte der Mutter wirklich ihre letzte Rettung waren: "Es tut mir leid, was ich gesagt habe."

Identität, Nähe, Abgrenzung

Der namenlosen Erzählerin, einer jungen deutschen Frau Mitte zwanzig, tun die zwei Sätze ihrer Mutter, einer gebürtigen Chinesin, sehr weh. "Das ist, weil du keine echte Chinesin bist. Familie ist dir egal!", hatte diese im Streit gesagt.

Der Tochter hatte jede Möglichkeit zur Selbstverteidigung gefehlt. Alles, was sie in ihrem Leben versucht hatte, richtig zu machen, war wertlos geworden. Was sie falsch gemacht hatte, wog tonnenschwer. Dabei hatte sie alles doch genauso gemacht, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hatte – in Deutschland, aber vor
allem, wenn sie in China waren, die Großmutter besuchten, die Tanten, Onkel, Cousinen, Cousins. Sie hatte sogar Chinesisch gelernt, weil viele von ihren Verwandten weder Englisch noch Deutsch sprechen. Es war ihr wichtig gewesen. Es hatte sie aber nicht zur Chinesin gemacht. Natürlich nicht.

Sie ist die Tochter einer Chinesin, die mit dreiundzwanzig Jahren das kommunistische Land verlassen hat, um kein besseres, sondern ein anderes Leben zu leben. Ein Leben, in dem sie anders denken, anders reden, anders schweigen darf, als es ihr in China möglich schien. Sie ist nicht geflohen. Sie hatte einen Traum…

Das Buch
"Wovon wir träumen" von Lin Hierse, Piper Verlag, 176 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 18 Euro, E-Book: 13,99 Euro; ET: 10. März 2022

Die Autorin
Lin Hierse, geboren 1990 in Braunschweig, hat Asienwissenschaften und Humangeographie studiert. Sie lebt in Berlin und ist seit 2019 Redakteurin der taz. Dort erscheint auch ihre Kolumne poetical correctness. "Wovon wir träumen" ist ihr erster Roman.