Ghosting hinterlässt Fragezeichen und kann am Selbstwertgefühl kratzen. Anja Wermann berät Menschen, die geghostet wurden. Die Psychologin erklärt, warum jemand plötzlich abtaucht – und hat Tipps, die beiden Seiten helfen können.
Viele von uns haben schon Erfahrungen mit Ghosting gemacht. Entweder, wenn man mit einem vielversprechenden Match auf einer Dating-Plattform schreibt, oder auch nach ein, zwei Dates.
Wenn der Kontakt noch nicht so lange besteht, ist die Irritation über den Kontaktabbruch wahrscheinlich nicht so groß, wie wenn man monatelang Kontakt hatte – oder schon zusammengelebt hat.
"Sie war ein Wochenende verreist, kam zurück und die Wohnung war leer. Der Partner hatte auch seine Telefonnummer gewechselt, sodass sie ihn gar nicht mehr erreichen konnte."
Die Diplom-Psychologin Anja Wermann berichtet von einem extremen Fall: Während eine Frau über das Wochenende verreist war, hat ihr Partner alles, was ihm gehörte, aus der gemeinsamen Wohnung geräumt. Außerdem wechselte er seine Handynummer. So konnte die Frau ihn nicht mehr kontaktieren.
"Zu mir kommen Menschen, die geghostet worden sind und die Schwierigkeiten haben, das zu verarbeiten. Oder die gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen."
Diesen Fall kennt sie nicht aus der eigenen Arbeit, sondern aus dem Buch "Ghosting – Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter" von Tina Soliman, das sie zu diesem Thema empfiehlt.
"Ich wurde auf der Straße nach meiner Nummer gefragt und hatte nicht genug Selbstbewusstsein zu sagen, dass ich kein Interesse habe. Dann habe ich nicht geantwortet."
Über Fälle aus ihrem Beratungsangebot, das sie unter der Bezeichnung "Ghosting-Ambulanz" betreibt, zu sprechen, sei nicht einfach, sagt die Diplom-Psychologin. Oft seien die Umstände so speziell, dass sie die Anonymität der Betroffenen nicht gewährleisten könne, wenn sie über Einzelfälle spricht, sagt Anja Wermann.
Ihr Angebot sei nicht vergleichbar mit einer Notfall-Ambulanz eines Krankenhauses, die man in akuten Fällen einfach aufsucht, erklärt sie. Für ihre Beratungen müssten Betroffene zuerst einen Termin vereinbaren, um sich vor Ort in Berlin oder online zu einem Gespräch zu verabreden.
Ghostende oft empathischer, als wir vermuten
Wer ghostet, ist nicht immer egoistisch, sondern kann durchaus auch empathisch motiviert sein. Zu diesem Ergebnis kamen US-Forschende nach verschiedenen Experimenten. Sie sagen, dass es grundsätzlich unterschiedliche Begründungen fürs Ghosten geben kann.
Ghostende wollen demzufolge:
- Sich selbst unangenehme Gefühle ersparen. Dieses Vorgehen ist eher selbstbezogen motiviert.
- Die Gefühle einer anderen Person nicht verletzen. Diese Motivation zeigt mehr Fremdbezogenheit.
Mit ihren Experimenten haben die Forschenden herausgefunden, dass diese fremdbezogenen Motive häufiger sind, als man bisher angenommen hat.
Das heißt: Personen, die ghosten, tun dies eigentlich, um die andere Person nicht zu verletzen. Sie nehmen an, dass es möglicherweise für den anderen angenehmer ist, mit den Meinungen und Gedanken des Ghostenden nicht konfrontiert zu werden.
Tipps, wenn man geghostet wurde
Bei denjenigen, die geghostet werden, kann das zu Verunsicherung führen: "Bin ich es nicht, wert, eine Erklärung zu bekommen?" fragt man sich dann häufig.
"Auf Dating-Plattformen hat man ein bisschen geschrieben und dann kommt es sehr schnell dazu, dass man keine Nachricht mehr bekommen hat."
Wichtig sei es für Ghostende, sich zu überlegen, welche Verunsicherung ein plötzlicher Kontaktabbruch beim Gegenüber auslösen kann. Den Menschen, die geghostet wurden, rät Psychologin Anja Wermann wiederum, sich nicht zu sehr auf diesen Vorfall zu fokussieren.
Ein Perspektivwechsel könnte helfen: Man sollte sich bewusst machen, dass viele andere Menschen uns in unserem Leben schon 20 oder 30 Jahre begleiten, ohne dass sie unangekündigt und unerwartet aus unserem Leben verschwinden.
"Ich bin jemand, der sich dann immer noch erklärt und sagt: 'Du, es passt nicht'."
Oft könne ein abschließendes Gespräch oder eine Abschiedsnachricht beiden Seiten helfen, besser mit dem Kontaktabbruch zurechtzukommen, empfiehlt die Psychologin. Klickt oben auf den Play-Button, wenn ihr mehr zum Thema erfahren und die ganze Folge hören wollt.
"Wenn man schon öfters gesagt hat, man hat kein Interesse mehr und dann immer mehr geschrieben wird, dann habe ich es irgendwann einfach ignoriert."
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