Sich die Hand geben zur Begrüßung oder als Zeichen für Friede und Freundschaft ist eine Geste, die es bei uns erst seit dem Mittelalter gibt. In Corona-Zeiten ist der Händedruck jedoch nicht mehr angesagt. Möglicherweise kommt die Geste komplett aus der Mode.

Wann und wo die ersten Menschen begonnen haben, sich mit einem Handschlag zu begrüßen, lässt sich heute schwer sagen. Irgendwo zwischen Arabien und Griechenland, grenzt Ursula Rao den Ursprung des Händeschüttelns ein. Sie ist Direktorin für Ethnologie, Politik und Governance am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle.

In antiken Bildern, Reliefen und arabischen Texten ist das Handgeben als Begrüßungsgeste überliefert. Personen, die sich entweder die Hände schütteln, ihre Hand aufhalten oder sich die Hand entgegen strecken, seien darauf dargestellt, beschreibt Ursula Rao die Abbildungen.

"Daher kommt auch diese Assoziation des Händeschüttelns mit einer Geste der Entwaffnung oder der Freundschaft oder des Friedenschließens."
Ursula Rao, Direktorin für Ethnologie, Politik und Governance am Max Planck Institut für ethnologische Forschung in Halle

Vor allem aus Griechenland stammen diese Darstellungen. Auch damals sollen sie ein Ausdruck von Frieden und Freundschaft gewesen sein. Denn häufig sind auf solchen Reliefs Szenen dargestellt, die auf Friedensschlüsse hindeuten.

Eins ist allerdings bis heute nicht geklärt: Forschende wissen nicht, ob die Leute sich tatsächlich die Hand gegeben haben oder ob es nur eine rituelle Geste war.

Im Mittelalter taucht der Handschlag dann auch in Deutschland auf, allerdings nur zur Besiegelung wichtiger Beschlüsse.

Gegenentwurf zu höfischen Begrüßungsritualen

Hätte es jemand gewagt, einen Adligen per Handschlag zu begrüßen, wäre dieser sicherlich empört oder gar entsetzt gewissen. Alte Benimmbücher zeigen, dass das Händeschütteln gar nicht erwähnt wurde oder negativ belegt war.

"Da werden Benimmbücher geschrieben, in denen gezeigt wird, wie man sich ordentlich benimmt. Und da wird das Händeschütteln entweder gar nicht oder nur negativ erwähnt als etwas, das nicht angemessen ist."
Ursula Rao, Direktorin für Ethnologie, Politik und Governance am Max-Planck-Institut in Halle

Das ändert sich erst mit den Quäkern, einer Glaubensgemeinschaft aus Großbritannien, die die Geste im 17. Jahrhundert als erste einführt, um sich auf Augenhöhe zu begrüßen. Damit wollen sie sich von den steifen Begrüßungsritualen europäischer Adliger und Könige abgrenzen.

"Die Begrüßungsgesten sind immer Teil einer Status-Aushandlung."
Ursula Rao, Direktorin für Ethnologie, Politik und Governance am Max-Planck-Institut in Halle

Erst am Ende des 19. Jahrhunderts setzt sich der Handschlag in Europa und Nordamerika endgültig als Begrüßungsgeste durch. Damit war es nicht mehr nur ein Zeichen von Frieden und Freundschaft, sondern von gegenseitiger Augenhöhe. Eine demokratische Geste sozusagen.

Mit demokratischer Geste Überlegenheit demonstrieren

Je nachdem wie ein Handschlag ausgeführt wird, können wir subtile Bedeutungen mit dieser Geste kommunizieren. Oder wie diverse Handschlag-Abtausche zwischen den Präsidenten Donald Trump und Emmanuel Macron zeigen, auch weniger subtil.

Zwischen diesen beiden Politikern wird diese Geste, die uns symbolisch ebenbürtig machen soll, zur reinen Machtdemonstration genutzt.

Handschlag - verzichtbares Ritual?

Zwei Umfragen der Universität Trier, im April und September 2020, kommen zu dem Ergebnis, dass der Handschlag auch nach dem Ende der Corona-Pandemie seltener zu sehen sein wird.

Viele von uns haben sich inzwischen daran gewöhnt, zur Begrüßung nicht mehr die Hand zu geben. Und besonders hygienisch ist das Ritual ohnehin nicht. 57 Prozent der Befragten haben angegeben, dass sie ihr Verhalten dauerhaft ändern wollen. Für sie scheint der Handschlag ausgedient zu haben.

Vorläufiger Höhepunkt einer kleinen Geste

Dabei wurde erst Februar 2020 ein neuer Rekord aufgestellt: In Abu Dhabi hatten sich 1800 Menschen die Hand gereicht – als Zeichen für Frieden und Freundschaft. Das ist ein neuer Weltrekord und damit wohl so etwas wie der vorläufige Höhepunkt in der jahrhundertealten Kulturgeschichte des Händedrucks.