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Drei Tage lang klammert sich Luise an den Hals ihrer Oma, nachdem ihr Freund Martin aus einem fahrenden Zug fällt. Der tragische Unfall begleitet sie in allen drei Teilen des Romans "Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky.

Martin und Luise sind zehn Jahre alt. Sie kennen sich von Geburt an. Wie fast jeden Morgen um 7.15 Uhr stehen sich Martin und Luise im Zug an die Türen gelehnt gegenüber und spielen ihr Spiel. In der ersten Klasse hatte Luise ihm noch aufzählen müssen, was sie sieht. Drei Jahre später, in der vierten Klasse, muss sie nichts mehr sagen, denn Martins Aufzählung ist lückenlos, sein Timing perfekt: "Wald. Wiese. Weide. Weide." Und dann springt die Tür auf.

Mit einem Unglück, das niemand vorhersehen konnte, und das sich doch auf unheimliche Weise angekündigt hatte, verschwindet Martin aus Luises Leben – und damit endet auch der erste von drei Teilen in Mariana Lekys Roman "Was man von hier aus sehen kann".

Ein Okapi kündigt einen Tod an

Die Regionalzugtür war aufgesprungen, als sich Martin dagegen gelehnt hatte. Luise wird sich auch zwölf Jahre später, im zweiten Teil, und zwanzig Jahre später, im dritten Teil des Buchs ständig daran erinnern und sich dabei nicht nur einmal fragen, ob sie es hätte verhindern können, und warum es ausgerechnet Martin und nicht sie getroffen hat. Dass es darauf keine Antwort gibt, dass jeder Versuch einer Antwort nicht die Wahrheit sein kann, weiß Luise. Trotzdem ist es Fakt: Ihre Oma hatte vorher von einem Okapi geträumt.

Wenn Luises Oma – von allen nur Selma genannt – im Traum einem Okapi begegnet, dann stirbt jemand unmittelbar darauf. Das weiß jeder im Dorf. Getroffen hat es Martin.

Der Mönch, an dem nichts zusammen passt

Drei Tage lang klammert sie sich an Selmas Hals, ohne ein einziges Mal loszulassen. Drei Tage lang schleppt Selma Luise durch das Dorf, zum Laden, in den Wald. Sie trägt das Mädchen vor dem Bauch, auf dem Rücken, an der Hüfte, wie einen Rucksack schiebt sie es zurecht. Und plötzlich lässt Luise los und lebt weiter, als wäre nichts gewesen. Ein paar Jahre lang.

Bis zu dem Moment, wo es Klickt macht und Luise ihr Leben neu beginnt, wenn auch zögerlich und in Zeitlupe. Verstockung nennt Luise das. Maßgeblich daran beteiligt ist ein buddhistischer Mönch, dem sie im Wald begegnet. Ein Mönch, der Frederik heißt und eigentlich in Japan lebt. Ein Mönch, in den sich Luise unsterblich verliebt. Das passt eigentlich überhaupt nicht zusammen, denkt Luise - so wie alles an einem Okapi.

Buch:

"Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky, erschienen bei Dumont, 320 S., gebundene Ausg. (Hc): 20 EUR, E-Book: 15,99 EUR, VÖ: Juli 2017

Autorin:

Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband "Liebesperlen" (2001), die Romane "Erste Hilfe" (2004), "Die Herrenausstatterin" (2010) sowie "Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde" (2013). 2017 erschien ihr Roman "Was man von hier aus sehen kann", der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.