Vor etwa hundert Jahren wurden indigene Menschen aus anderen Teilen der Welt in sogenannten "Völkerschauen" präsentiert, zum Beispiel im Tierpark Hagenbeck im Hamburg. Eine Protestaktion fordert den Zoo jetzt zur Auseinandersetzung mit seiner Geschichte auf.

Seit den weltweiten Protesten gegen Rassismus und der Debatte um den Umgang mit Statuen aus der Kolonialzeit oder mit umstrittenen Straßennamen wird auch in Hamburg wieder über die Vergangenheit des Tierparks Hagenbeck und dessen Gründer Carl Hagenbeck diskutiert.

Von 1874 bis in die 1930er-Jahre hat er in seinem Zoo neben Tieren auch Menschen in sogenannten Völkerschauen "ausgestellt", unter anderem Nubier, Inuit, Massai oder Singhalesen.

Mit Menschenschauen Geld verdienen

Hinter Zäunen stellte Hagenbeck die Lappländer mit ihren Rentieren aus, ließ Mitglieder der Oromo aus Äthiopien vor einer Herde Zebras posieren oder zeigte dem Publikum indigene Menschen, die tanzten und Kunststücke ausführten. Denn, so die Idee des Tierparks: Die Besucherinnen und Besucher der Menschenschauen sollten den Eindruck bekommen, sie würden durch die Welt reisen.

Der Gründer des Tierparks veranstaltet seine Völkerschauen erst im Hamburger Zoo und tourte anschließend mit seinen Menschenschauen durch Europa. Plakate warben für "50 wilde Kongoweiber" oder "Die letzten Kannibalen der Südsee".

Rund 400 "Völkerschauen" in Deutschland

Veranstaltungen, bei denen Menschen aus "exotischen" Teilen der Welt vorgeführt wurden, gab es zwar schon im Mittelalter, doch die Veranstaltungen des Hamburger Zoos zählen zu den größten und auch wirtschaftlich erfolgreichsten Schauen.

Unwissenheit über Völkerschauen

Wie Menschen in der Vergangenheit "ausgestellt" und diskriminiert wurden, wissen viele allerdings nicht. Auch Henri Gnutzmann aus Hamburg war erschüttert, als er über die Völkerschauen im Tierpark Hamburg von seinem Freund Modou Touray erfahren hat. "Ich war als kleiner Junge auch im Zoo. Nicht über die 'Völkerschauen' Bescheid zu wissen, ist traurig und erschreckend", sagt er.

"Mir war sofort klar, dass ich etwas dagegen machen muss. Es ist ein Problem direkt in meinem Wirkungsumfeld und kein Problem in irgendeinem anderen Land, wo du erst mal gucken musst, wie du da überhaupt etwas verändern kannst."
Henri Gnutzmann, fordert mehr Aufklärung über die Geschichte des Hamburger Tierparks

Mit einer Plakataktion wollen Modou und Henri auf die Vergangenheit des Tierparks aufmerksam machen. Sie fordern den Hamburger Zoo zu mehr Aufklärung über die Menschenschauen auf, zum Beispiel in Form eines Museums, das an die Menschen gedenkt. Zwar berichtet der Tierpark auf seiner Website über die Völkerschauen als Teil seiner Geschichte, aber "es wird alles schön dargestellt", erklärt Henri. Dort steht etwa, dass Carl Hagenbeck die indigenen Völker für seine Veranstaltungen "engagierte".

Aufklärung, Andenken und Transparenz

Zur Klärung brauche es deshalb eine Aufarbeitung der Geschichte, fordern die beiden. "Wir sind keine Experten, aber was uns auf jeden Fall klar ist, dass da mehr los war, als es seitens Hagenbeck dargestellt wird", so Henri. Bisher passiere aber nicht viel.

Eine vom Zoo für Anfang August 2020 angesetzte Pressekonferenz habe der Tierpark vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben. Für Modou und Henri sei das sehr unbefriedigend. Vor allem fehle es den beiden an Transparenz, was das weitere Vorgehen betrifft. "Wir würden uns wünschen, mehr einbezogen zu werden, damit wir die Prozesse nachvollziehen können und auch wissen, dass da etwas passiert. Im Moment wissen wir gar nichts", erklärt der Schüler.

Dekolonialisierung Hamburgs

Von Dirk Albrecht, dem Geschäftsführer des Tierparks, heißt es dazu in einem schriftlichen Statement: "Der Tierpark wird sich aktiv an der Aktualisierung der schon bestehenden Informationen zu diesem Thema beteiligen und ist bereits im Gespräch mit der Kulturbehörde zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes". Weiter verweist der Tierpark auf eine Zusammenarbeit mit der Stadt Hamburg zur Dekolonialisierung der Stadt.

Austausch und Information fehlt

Henri und Modou warten hingegen weiterhin auf einen Austausch. Um eine Schuldzuweisung gehe es ihnen nicht, sagt Henri. Ihnen liege das Thema am Herzen. "Für uns ist das kein Trend, an dem wir uns bedienen, weil das Thema Rassismus gerade in den Medien stattfindet", betont er.

"Wir würden uns ein Andenken an die Menschen wünschen. Vielleicht sogar ein kleines Museum im Zoo. Hauptsache die Menschen erfahren davon."
Henri Gnutzmann, fordert mehr Aufklärung über die Geschichte des Hamburger Tierparks