Viele Beobachtungen und Eindrücke wirken auf uns ein. Das Gehirn entscheidet, was davon es als wichtig erachtet und widmet ihm mehr Aufmerksamkeit, als den anderen Sinneseindrücken, die uns erreichen. Das ist ein sehr subjektiver Prozess, der die Realität nicht immer realitätsgetreu abbildet.

In der Ferne donnert ein Gewitter, die Ampel springt auf rot, laute Musik ertönt aus einem Autofenster, eine Taube fliegt in die Luft und lautes Kindergeschrei ist vom nahe gelegenen Spielplatz zu hören. Vieles davon, nehmen wir nur beiläufig war. Manches beansprucht sofort unsere volle Aufmerksamkeit, andere Dinge wirken nicht so wichtig und interessieren uns deswegen weniger.

Ein entscheidender Grund dafür, dass wir aufmerksam hinhören, wenn ein Geräusch plötzlich zu hören ist, liegt darin, dass dieses akustische Signal möglicherweise eine für uns wichtige Veränderung in unserer direkten Umgebung anzeigt. Ein Hupen, ein Reifenquietschen, ein Schuss, ein Schrei – und wir horchen kurz auf, um die Situation für uns einzuschätzen und einzuordnen.

"Also man sollte sich immer klar sein, dass das, was wir bewusst wahrnehmen, nicht unbedingt das ist, was auch tatsächlich bewusst um uns herum passiert."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Wer Angst vor einem Gewitter hat, wird auf das entfernte Donnern lauschen, wer die Straße überqueren möchte, wird darauf achten, ob die Ampel noch auf grün oder schon auf rot steht, wer sich vor Tauben ekelt, wird versuchen dem Vogel, der gerade aufgeflogen ist, soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Wer gerade zum Spielplatz geht, um die eigene kleine Schwester abzuholen, wird möglicherweise darauf achten, ob das Kindergeschrei von der eigenen Schwester stammt oder eben nicht.

Akustische Reize können dafür sorgen, dass optische in den Hintergrund geraten

Viele Wahrnehmungen buhlen um die Aufmerksamkeit unseres Gehirns. Manchmal entscheidet unser Hirn einige Eindrücke wie mit einem Scheinwerfer zu beleuchten und darauf zu fokussieren. Andere Verarbeitungsprozesse – auf denen unser Fokus gerade nicht ruht – laufen im Gehirn dann zwar weiter, rücken aber in diesen Momenten in den Hintergrund. Wir nehmen zwar alles gleichzeitig wahr, aber wir konzentrieren uns auf einen dominierenden Kanal, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck.

"Wir nehmen natürlich alles irgendwie gleichzeitig wahr, aber wie mit einem Scheinwerfer konzentrieren wir uns meistens dann auf einen dominierenden Kanal."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Ein Forschungsteam aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden hat herausgefunden, dass der visuelle Teil unseres Gehirns weniger Aufmerksamkeit erhält, wenn wir – unerwartete, plötzliche oder neue – akustische Signale hören. Um das festzustellen, haben sich die Forschenden erst einmal angesehen, in welchen Gehirnarealen verschiedene Sinneseindrücke verarbeitet werden.

"Es gibt eigene Regionen im Gehirn, die checken einfach nur, ist dieser Sinn neu, ist das was Neues, was passiert – und dann gibst du dem die Aufmerksamkeit ."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

In dieser Studie haben die Wissenschaftler untersucht, wie optische und akustische Eindrücke sich zueinander verhalten. Dafür haben sich Testpersonen in einen Hirnscanner gelegt und ihnen verschiedene optische und akustische Signale präsentiert. Gleichzeitig wurde gemessen, welche Arbeitsprozesse in Gang kommen und welche Hirnareale dadurch aktiviert werden. Das Ergebnis: Immer, wenn etwas Akustisches, also ein Ton, präsentiert wurde, wurden die Hirnareale, die für Visuelles zuständig waren, weniger aktiviert.

"Dieser Ton dominiert in diesem Moment und man konzentriert sich nicht mehr auf das optische, sondern hat dann nur noch den Ton im Kopf."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Welchem unserer Sinne unser Gehirn seine Aufmerksamkeit zuwendet, ist dabei kein demokratischer Prozess, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Das Gehirn entscheidet sehr individuell, welchen Sinneseindruck es als wichtig einstuft. Dabei richten wir unsere Aufmerksamkeit scheinwerferartig aus, sagt der Hirnforscher. Das kann dazu führen, dass wir, dadurch dass wir unsere Aufmerksamkeit individuell ausrichten, Dinge nicht so wahrnehmen, wie sie passieren. Durch unseren Fokus auf bestimmte Wahrnehmungen lassen wir uns durch unsere Sinne möglicherweise "hinters Licht führen", sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck.