Themen wie Islamismus und Migration, die uns heute beschäftigen, sind mit bestimmten Ereignissen im Jahr 1979 verbunden. Der Zeithistoriker Frank Bösch nennt das Jahr eine Sichtachse, an der wir erkennen, woher unsere Gegenwart kommt.

Wenn wir ins Jahr 1979 zurückgehen, verstehen wir globale, politische, gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklungen besser. 1979 ist eine Sichtachse, die uns erkennen lässt, woher unsere Gegenwart kommt. Meint der Zeithistoriker Frank Bösch.

Ein paar Punkte auf dieser Sichtachse:

  • Das Jahr 1979 beginnt mit einer Schneekatastrophe in Norddeutschland – in der DDR ebenso wie in der BRD.
  • Anfang Mai wird Margaret Thatcher Premierministerin des Vereinigten Königreichs.
  • Im Juni reist der im Herbst 1978 inthronisierte Papst Johannes Paul II. in sein Heimatland Polen und wird dort von Millionen gefeiert.
  • Christel und Rupert Neudeck gründen die Hilfsorganisation Cap Anamur und retteten vietnamesische Flüchtlinge aus dem Südchinesischen Meer.
  • Zum ersten Mal sind im Nachkriegs-Westdeutschland in größerem Maßstab außereuropäische Flüchtlinge ein Politikum. In der Folge werden rechtsextreme Anschläge verübt.

1980 sterben zwei Vietnamesen bei einem Brandanschlag. Ebenfalls 1980 werden durch den rechtsextremen Anschlag auf das Münchener Oktoberfest 12 Menschen ermordet und mehr als 200 verletzt . Und auch der Wahlkampf der bürgerlichen Parteien verändert sich.

"Auch im Wahlkampf 1980 unter Strauß finden sich erstmals Begriffe wie 'Wirtschaftsasylant', 'Scheinasylant'."
Frank Bösch, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Das Thema Religion bekommt 1979 ebenfalls Auftrieb. Der Papst mobilisiert die Menschen im kommunistischen Polen. In der DDR entwickelt die Kirche Protestpotenzial: 1979 findet in der Ost-Berliner Samariterkirche die erste Blues-Messe statt. Und im Iran setzt sich Ajatollah Khomeini durch, die Islamische Revolution krempelt das ganze Land um.

"Die iranische Revolution kann als der Ausgangspunkt für den islamischen Fundamentalismus angesehen werden."
Frank Bösch, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Das Bild vom Islam als Bedrohung wird in der Rezeption der Islamischen Revolution im Iran etabliert, sagt Frank Bösch. Und auch, wenn wir heute über Klimawandel und Energiewende sprechen, findet diese Rede im Jahr 1979 ihren Anfang. Der Winter 1978/79 brachte enorme Schneemengen und eisige Kälte nach Norddeutschland, in der BRD wie auch in der DDR. Gleichzeitig setzt die Zweite Ölkrise ein. Und: 1979 findet die erste Weltklimakonferenz statt.

"Auf dieser Konferenz wird öffentlich die Annahme verhandelt, dass die Erde sich erwärmen wird."
Frank Bösch, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Gleichzeitig wird auch die Atomkraft zunehmend als gefährliche Energiequelle wahrgenommen. Im März kommt es im Atomkraftwerk Harrisburg in Pennsylvania, USA, zu einer partiellen Kernschmelze. Jahre vor Tschernobyl.

Das Jahr 1979 entwickelt also Themen und Diskurse, die uns auch heute noch stark beschäftigen. Eine andere Zeit bricht an. Das, was wir heute Globalisierung nennen, wurzelt (auch) in diesem Jahr.

"Wie kommt das eigentlich, dass wir hier so gehäuft Umbrüche haben, die auf die Gegenwart verweisen?"
Frank Bösch, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Frank Bösch hat diesen Vortrag unter dem Titel "Zeitenwende 1979" am 4. März 2019 im Militärhistorischen Museum Dresden gehalten.