Eben noch über Rechtsextremismus geredet und plötzlich geht es um etwas ganz anderes. Derailing heißt diese Ablenkungsstrategie in Webdiskussionen. Johnny Haeusler hat darauf keine Lust mehr, er färbt auf spreeblick.com solche Kommentare weiß.

Entgleisen heißt Derailing und meint die Themenentgleisung in Diskussionen. Das passiert allerdings nicht ganz zufällig, sondern wird strategisch zum eigenen Agenda-Setting eingesetzt. Johnny Haeusler hat darauf keine Lust mehr. Seit 2002 betreibt er sein Blog Spreeblick. Seit knapp zwei Wochen setzt er auf ein eigenes Plugin, das solche Kommentare nur noch als weiße Fläche erscheinen lässt.

Übergriffe - frisch gestrichen

Mit Hasskommentaren sollte man die Derailing-Kommentare nicht verwechseln. Sie kommen eher aus der "Das wird man ja noch mal sagen dürfen"-Ecke, die sich bevorzugt bei Themen wie Einwanderung oder Rechtsextremismus breit macht. Statt strafrelevant herumzupöbeln, agiert man subtiler, präsentiert sich interessiert, besorgt und versucht so das Thema an sich zu reißen. Ein klassischer Kommentar unter einem Artikel über Rechtsextremismus sieht dann etwa so aus: "Ich bin ja gegen Gewalt - von Rechts- und Linksextremisten. Die Linken aber…" - und schon redet man über ein anderes Thema.

"Beim Derailing drückt man sich nicht trollig aus oder pöbelt herum, sondern man tut so, als würde man sich interessieren - versucht aber das Thema auf ganz andere Bereiche zu lenken.“
Johnny Haeusler, Spreeblick

Mit wüsten Kommentaren und komplizierten Webdiskussionen kennt sich Johnny Haeusler aus. Er ist einer der Mitgründer der Netzkonferenz republica. Die weiße Wand gegen Derailing ist ein Vorstoß, um eine Lösung für Kommentare zwischen Trolling und echten Diskussionsbeiträgen zu finden. "Wir haben eine schnelle Lösung gesucht“, sagt Johnny Haeusler. Hetz- und gewaltverherrlichenden Kommentare auf Spreeblick werden ohnehin gelöscht, auf viele kritische Kommentare antwortet er selbst und per Plugin werden schon jetzt gute Kommentare hervorgehoben.

Als Scheuklappenblick gegenüber anderen Meinungen sieht der Spreeblick-Macher das Tool nicht. Ganz weg sind die Kommentare übrigens auch nicht. Im Prinzip ist es nur weiße Schrift auf weißem Grund. Per Doppelklick kann man den Kommentar wieder sehen. "Ich behaupte nicht, dass immer richtig ist, was ich tue. Das können die Leute dann selber beurteilen und den Text trotzdem lesen."

"Wir haben es bei Spreeblick in den letzten Jahren ganz oft erlebt, dass Derailing als Strategie eingesetzt wird, wenn es um Rechtsextremismus geht."
Johnny Haeusler, Spreeblick

Das Gute sei ohnehin, sagt Johnny Haeusler, dass die Spreeblick-Leser die Ablenkungstaktiken aus der rechten Ecke meist selbst enttarnen und sich dagegen wenden - selbst wenn mancher versucht mit drei Online-Identitäten seine Meinung (oder kruden Ansichten) nach vorne zu drücken.

Auf Spreeblick finden sich unter den Artikeln zum Umgang mit Derailing übrigens schon jede Menge Kommentare. Nur einige wenige davon bleiben weiß.