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Kann sich ein Mensch so sehr verändern über die Jahre, dass man glaubt, einem völlig anderen Menschen gegenüberzustehen? In "Die Frau, die liebte" von Janet Lewis geht es um genau diese Frage. Die "neue" Version dieses Menschen ist offensichtlich großartig und unfehlbar. Aber kann das wirklich sein?

Im Roman "Die Frau, die liebte" von Janet Lewis (OT: "The Wife Of Martin Guerre") aus dem Jahr 1941 reisen wir zurück in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts und lernen die junge Frau Bertrande kennen, die einer neuen Version ihres lange verschollenen Mannes gegenübersteht. Sie kämpft mit aufsteigenden Zweifeln. Hat ihr Mann sich so verändert, oder ist das gar nicht ihr Mann?

"Vielleicht wird sie verrückt? Vermutlich ist sie es längst. Und das mit einunddreißig Jahren. In der vielleicht schönsten Zeit ihres gesamten Lebens. Weil alles passt. Weil alles so gut läuft."
Lydia Herms über den Roman "Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

Die Ernte ist erfolgreich. Die Arbeiter sind fleißig. Ihr kleiner Sohn ist gesund, ihr zweites Kind bald auf der Welt. Die Stimmung auf dem Hof insgesamt ist gelöst, so sehr, wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Die Jahre der Ungewissheit und Einsamkeit sind vorbei – und Bertrande fühlt sich geliebt. Es könnte so bleiben. Sie könnte es hinnehmen und genießen. Aber Bertrande kann das nicht. Ihr Argwohn ist zu stark.

Zweifel und Angst vor der Wahrheit

Ihre Zweifel wachsen täglich – ebenso wie ihre Angst. Die Angst davor, dass sie richtig liegen könnte, mit ihrem Gefühl. Denn mehr ist es nicht. Nur so ein Gefühl. Sie kann es nicht handfest belegen, aber sie kann es auch nicht einfach ignorieren. Der Mann, mit dem sie seit fast einem Jahr zusammenlebt, dieser große, bärtige, besonnene und liebevolle Mann, ist nicht der, für den sie ihn gehalten hat. Er ist nicht Martin. Auch wenn er das behauptet. Und auch wenn alle im Dorf das glauben wollen.

Vielleicht wird man ihr glauben. Es ist höchst unwahrscheinlich, aber möglich. In diesem Fall wird man den "falschen Martin" vom Hof jagen. Ihre Kinder werden einen liebevollen Vater verlieren, ihre vier Schwägerinnen ihren einzigen Bruder, der Hof sein Oberhaupt, das ganze Dorf einen angesehenen Bauern – und Bertrande selbst: eine große Liebe.

Aus acht Tagen werden acht Jahre

Januar 1539, Bertrande und Martin heiraten. Sie ist acht Jahre alt, er elf. Ihre Hochzeit war besiegelt, als Bertrande das Licht der Welt erblickte, beziehungsweise, den Himmel über einem kleinen, abgelegenen Dorf in den Pyrenäen. Als Bertrande vierzehn ist, zieht sie ins Haus von Martins Familie.

Er ist fünfundzwanzig Jahre alt, als er ohne Rücksprache Kornsaat aus dem Vorrat des Vaters nimmt, um damit Felder zu bestellen. Er weiß, dass sein strenger Vater das als Diebstahl verurteilen wird. In weiser Voraussicht beschließt Martin, für ein paar Tage zu verschwinden, um der unmittelbaren Bestrafung zu entgehen. Bertrande hat Verständnis dafür. Acht Tage will Martin seinem Vater geben, um sich zu beruhigen. Acht Tage kann er seine junge Frau und den kleinen gemeinsamen Sohn allein lassen. Denkt er. Aus den acht Tagen werden acht Jahre…

"Dass Martin tot sein könnte, will Bertrande sich nicht vorstellen. Sie wartet – und hofft. Mit den Jahren wird die Erinnerung an Martin schwächer, aber die Hoffnung bleibt."
Lydia Herms über den Roman "Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

"Die Frau, die liebte" von Janet Lewis (OT: "The Wife Of Martin Guerre"), aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt von Susanne Höbel (mit einem Nachwort von Judith Hermann), Verlag: dtv, 140 Seiten, gebundene Ausgabe 18 EUR, Taschenbuchausgabe 10,90 EUR, E-Book 9,99 EUR.

Die Geschichte basiert auf den Recherchen der Autorin zu einem wahren Kriminalfall in Frankreich. Verfilmungen dieses Kriminalfalls gibt es auch: 1982 mit Gérard Depardieu und Nathalie Baye ("Die Wiederkehr des Martin Guerre“), 1993 mit Jodie Foster und Richard Gere ("Sommersby“).