Wir können uns einen Nationaltrainer mit türkischen Wurzeln vorstellen, aber keinen, der sächselst. Davon ist jedenfalls Jeannette Gusko vom Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland" überzeugt. Zusammen mit anderen macht sie sich dafür stark, dass Menschen aus ostdeutschen Bundesländern die gleichen Chancen erhalten.

Rund 30 Jahre ist die Wiedervereinigung her. Das Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland" forscht dazu, wie sich das Land nach der Wiedervereinigung entwickelt hat. "Wendekinder" ist einer der Schwerpunkte, zu dem die Organisation forscht.

"Der ganze Wissenschaftsbereich in dieser Institution Hochschule war ostdeutsch-frei."
Jeannette Gusko, Sprecherin beim Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland"

Dass an der Gleichberechtigung von Menschen, die aus dem Osten Deutschlands stammen, noch gearbeitet werden muss, liegt für Jeannette Gusko auf der Hand. Ein Beispiel dafür: Bis vor Kurzem gab es keinen Hochschuldirektor oder -direktorin an einer ostdeutschen Hochschule, die aus den neuen Bundesländern stammen.

"Diese Themen sind immer auch Machtfragen."
Jeannette Gusko, Sprecherin beim Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland"

Jeannette Gusko findet es nicht nur wichtig, die Fakten zu kennen, sondern auch zu schauen, wie man sie praktisch einsetzen kann, um eine Veränderung herbeizuführen.

Strukturelle Barrieren

Dass Menschen, die aus Ostdeutschland stammen, benachteiligt seien, hänge mit vielen unterschiedlichen Faktoren zusammen, sagt Jeannette Gusko. Deshalb hält sie es für wichtig, von strukturellen Barrieren zu sprechen und die Probleme nicht als individuelle Probleme einzelner Menschen zu betrachten.

Ostdeutsche sind kaum in Chefetagen vertreten

Nur 25 Prozent der Führungspositionen in ostdeutschen Unternehmen sind mit Menschen besetzt, die von dort stammen.

Nach der Wiedervereinigung gab es eine Einwanderung von West nach Ost. In der Folge haben Westdeutsche im Osten häufig Führungspositionen besetzt. Bei der Einwanderung von Ost nach West war das nicht der Fall.

Sechs Dax-Konzerne befinden sich in München, kein einziger im Osten

Die Ursachen dafür sieht Jeannette Gusko in der Struktur der Länder: Ostdeutschland war im Vergleich ländlicher als Westdeutschland. In Westdeutschland haben sich die Strukturen an der Mittelschicht ausgerichtet, im Osten an den Arbeiterinnen.

"Es ist wichtig zu verstehen, dass wir in Deutschland unterschiedlich sind. Wir haben Unterschiede von Gemeinde zu Gemeinde und von Bundesland zu Bundesland."
Jeannette Gusko, Sprecherin beim Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland"

In Deutschland gibt es immer noch deutliche strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West, sagt Jeannette Gusko: beispielsweise beim Einkommen, Vermögen und der Besetzung von Führungspositionen. Langfristig sei das nicht gut für eine Demokratie. Es sei Aufgabe des Staates, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen.

Kinder aus Ostdeutschland würden im Gegensatz zu Kindern aus Westdeutschland nach dem Tod der Eltern oft nichts erben - und sie verfügten auch nicht über eine andere Form von Kapital.

Generation der "Wendekinder" mit großem Potenzial

Die sogenannte Generation der "Wendekinder", also die zwischen 1975 und 1985 in der DDR Geborenen, sind nun in einem Alter, in dem sie in Führungspositionen kommen könnten. Auf sie setzt Jeanette Gusko.