Vielen treibt es im Bewerbungsprozess schon im Vorfeld die Schweißperlen auf die Stirn: Das Gespräch mit einem Personalverantwortlichen. Doch wie lange gibt es so ein klassisches Gespräch noch? Unternehmen arbeiten längst an einer Lösung mit Künstlicher Intelligenz: eine Software analysiert die Bewerberinnen und Bewerber – und soll die bessere Entscheidung darüber treffen, wer eingestellt wird.

"Das ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern wird immer häufiger eingesetzt. Vor allem von großen Unternehmen, die es mit vielen Bewerbungen zu tun haben.“
Andreas Noll, Netzreporter

Weltweit hätten Unternehmen laut dem Daily Telegraph mit der US-Software HireVue über eine Millionen Menschen eingestellt. Immer häufiger setzen große Unternehmen KIs für die Personalrekrutierung ein. Die Unternehmen berichten aus ihren Erfahrungen, dass die so rekrutierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oft besser zu den Konzernen passen würden. Ein Beispiel ist der Konsumgütergigant Unilever. Seit drei Jahren arbeitet der Konzern mit KI in Bewerbungsverfahren und hat es weiter ausgebaut.

Analyse von 25.000 Gesichts- und Sprachinfos

Und so funktioniert es: Die Bewerberinnen beantworten Jobfragen und filmen sich dabei mit ihrem Smartphone oder Laptop. Danach wählt die Software die Besten aus. Dafür kann die KI aus einem circa 15-minütigen Video rund 25.000 Gesichts- und Sprachinformationen auswerten. Algorithmen analysieren danach Sprache, Tonfall und Gesichtsausdruck der Bewerber.

Dabei vergleicht die KI die vorliegenden Ergebnisse mit früheren Interviews von eingestellten Personen, die anschließend gute Leistungen am Arbeitsplatz gezeigt haben. Auch wenn etwa Mimik und Gestik mit ausgewertet werden, seien der Software bei der Entscheidung die rhetorischen Fähigkeiten und die Sprechart der Personen am Wichtigsten, sagen die Software-Entwickler.

Mehr Interviews möglich, doch es gibt Kritik

Die Unternehmen und Entwickler sehen in der Software auch für die Kandidaten Vorteile. Es könnten viel mehr Interviews gemacht werden, da die Software nicht durch Lebensläufe der Menschen beeinflusst wird. Sie sei den Kandidaten gegenüber unvoreingenommen. Doch so ganz stimmt das nicht.

An dieser Art von Software gibt es nämlich immer auch Kritik. So hätten Wissenschaftler festgestellt, dass Künstliche Intelligenz immer auch schnell Vorurteile entwickele, sagt Netzreporter Andreas Noll. Dazu wird kritisiert, dass durch so ein System Menschen bevorzugt, die generell gut darin sind, Videointerviews zu geben.

"Bei Künstlicher Intelligenz hat man es schnell mit Vorurteilen zu tun, die diese Software fast automatisch entwickelt."
Andreas Noll, Netzreporter

Vor Jahren hat der Online-Riese Amazon damit schon Erfahrungen gemacht: Eine eigens entwickelte Software bevorzugte – auf der Suche nach Programmierern –Männern gegenüber Frauen. Generell funktioniert die Gesichtserkennung bei solchen Softwares oft bei weißen Menschen besser als bei schwarzen. Dennoch sieht es so aus, als würde sich die Technologie durchsetzen: Bei einer Umfrage im letzten Jahr hatten mehr als die Hälfte der befragten US-Personalverantwortlichen angegeben, dass KI bei der Bewerberauswahl innerhalb der nächsten fünf Jahre zum Standard werden soll.