Die Proteste im Iran nach dem Tod Mehsa Aminis in Polizeigewahrsam reißen nicht ab. Die Journalistin Shahrzad Osterer erklärt, was bei diesen Demonstrationen anders ist als in der Vergangenheit.

Die 22-Jährige Mahsa Amini war vergangenen Dienstag in Teheran von der Sitten- und Religionspolizei wegen ihrer angeblich unislamischen Kleidung festgenommen worden. Kurze Zeit später starb sie im Krankenhaus. Seither halten die Proteste im Land an.

Darüber, was die Proteste für das Land bedeuten, hat Deutschlandfunk-Nova-Moderator Till Haase mit der Journalistin Shahrzad Osterer gesprochen. Sie ist im Alter von 20 Jahren nach Deutschland gekommen und hat noch Familie im Land.

"Mehsa Amini steht für wirklich alles, was die Islamische Republik von Anfang an immer unterdrückt hat."
Journalistin Shahrzad Osterer

Till Haase: Das Regime und die Sittenwächter machen Druck und versuchen die Demonstrationen zu unterdrücken. Die Menschen gehen aber weiterhin auf die Straßen.

Shahrzad Osterer: Mit dem Mord an Mehsa Amini hat alles angefangen. Sie steht für wirklich alles, was die Islamische Republik von Anfang an immer unterdrückt hat. Sie ist eine Frau, sie ist eine Kurdin und gehört damit zu einer ethnischen Minderheit. Und sie ist eine Sunnitin, gehört also auch zu einer religiösen Minderheit.

Dieses Mal sind wirklich alle auf die Straße gegangen. Auch Frauen sind ganz vorne dabei – und das ist dieses Mal wirklich ganz anders, weil sie ihre Kopftücher abnehmen, sie verbrennen sie teilweise. Ich habe noch nie so viele Frauen ohne Hidschab auf der Straße im Iran gesehen, sie schneiden sich aus Solidarität zum Beispiel die Haare öffentlich ab.

Auch die Männer stehen dieses Mal für Frauenrechte auf. Bislang hieß es immer: "Wir haben andere Probleme, andere Probleme haben Priorität." Und egal wie brutal die Revolutionsgarden gegen die Menschen vorgehen, sie hören nicht auf, auf die Straße zu gehen.

Was diese Proteste von vorherigen unterscheidet

Hast du eine Erklärung dafür, warum es diesmal anders ist? Die Sittenwächter sind auch schon in der Vergangenheit streng und gewalttätig gegen Menschen vorgegangen, die nicht ihrem Weltbild entsprochen haben.

Dieses Mal gehen wirklich Menschen in allen Städten und Regionen auf die Straße. Die Proteste sind nicht mehr beschränkt auf die Hauptstadt oder auf eine bestimmte Region und die Leute rufen "Frau, Leben, Freiheit." Alle sind dieses Mal eins – auch in ihren Forderungen.

Sie wollen das Ende der Islamischen Republik. Die größte Gefahr für das Regime besteht jetzt in der Kontinuität der Proteste. Auch wenn sie einmal die Proteste niederschlagen können, die Menschen kommen bald wieder auf die Straße.

Wer hält deiner Einschätzung nach länger durch?

Die Abstände zwischen diesen Protesten werden immer kleiner und die Forderungen der Menschen werden immer klarer. Ich glaube, dass wenn so viele Menschen überall im Land auf die Straße kommen, das System mit seinen Schlägertruppen und anderen Kräften nicht mehr hinterherkommt.

Bekommen die Demonstrierenden einen Regimewechsel alleine hin? Oder brauchen sie Unterstützung von außen, zum Beispiel aus den USA oder aus der Europäischen Union?

Wir brauchen auf jeden Fall internationale Unterstützung, das hat uns immer gefehlt. Ich habe auch sehr viele Menschen im Land gefragt: "Was wünscht ihr euch?" Die meisten wünschen sich mehr Solidarität. Wir haben oft das Gefühl, dass die Solidarität fehlt, wenn es um die Menschen im Iran oder Afghanistan geht.

Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass wir mit internationalem Druck, mit Aufmerksamkeit etwas bewegen können. Wir haben zum Beispiel Hinrichtungen damit verhindert. Was die Politik angeht, fragen wir uns, wo die feministische Außenpolitik gerade bleibt. Wir wollen, dass Politikerinnen und Politiker endlich aufhören, mit diesem mörderischen Regime zu verhandeln. Wir wollen, dass endlich mit diesen Lippenbekenntnissen aufgehört wird, sich endlich klar positioniert und endlich klar gehandelt wird.

Wenn du noch mehr darüber erfahren möchtest, was die Journalistin Shahrzad Osterer aus dem Iran berichtet, dann hör dir das komplette Interview an.