Johanna Rubinroth wächst als katholisches Mädchen in Polen auf - ganz normal. Doch mit Anfang 20 steht ihre Mutter plötzlich vor ihr und sagt: "Unser wahrer Familienname ist Rubinroth, wir sind Juden." Johanna fängt an zu recherchieren und findet heraus, dass schon ihr Ur-Großvater ihr Jüdischsein viele Jahre lang vertuscht hat. Dann macht Johanna sich auf die Suche nach ihrer eigenen jüdischen Identität und fragt sich, was das eigentlich bedeutet? Muss sie dafür religiös sein? Sollte sie vielleicht mit einem Juden zusammenkommen? Oder geht es um etwas ganz anderes?

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Paulus Müller: Wir lernen jetzt hier Johanna Rubinroth kennen. Johanna hatte früher mal einen anderen Nachnamen. Aber irgendwann da hat sie den Nachnamen ihres Großvaters, Rubinroth, angenommen. Zuerst hat sie gedacht, das ist einfach nur ne Namensänderung aber irgendwann merkt sie: Hinter diesem Namen "Rubinroth" da steckt mehr, nämlich ne ganze jüdische Identität, von der Johanna viele Jahre lang nichts wusste. Johanna, du bist in Polen geboren, wie bist du da aufgewachsen?

Johanna Rubinroth: Als ganz normales katholisches Mädchen. Meine Mutter war Ärztin in einem kleinen Dorf und wir sind regelmäßig in die Kirche gegangen. Nicht unbedingt weil meine Eltern wirklich gläubig waren, sondern als Zeichen gegen das kommunistische Regime. Unter der kommunistischen Herrschaft war die katholische Kirche eine Gegenmacht, die viele Polen anzog.

Paulus: Und welche Rolle hat die Religion noch so bei euch in der Familie gelebt?

Johanna: Zu Ostern hat meine Mutter mir zum Beispiel immer einen kleinen Weidenkorb gepackt, mit bunten Eiern, einem Zuckerlamm. Und ich bin dann mit meinen Freundinnen die einzige Dorfstrasse entlanggelaufen, zum Gottesdienst, um vom Pfarrer das Osterkörbchen segnen zu lassen.
Und dann gab es noch meinen Opa Jaroslaw in Warschau. Der saß immer in seinem Arbeitszimmer. Da hat es nach Pfeifentabak gerochen. Er hat katholisch-theologische Texte geschrieben und sein ganzer Stolz war ein Foto von ihm und dem polnischen Papst.

Paulus: 1983 sind deine Mutter, dein Stiefvater, du und deine Geschwister dann nach Westberlin gezogen. Wie ist es dazu gekommen? Da gab es ja die Mauer noch.

Johanna: Mein Stiefvater wurde von der kommunistischen Regierung aus Polen rausgeschmissen, weil er in der Solidarnosc gegen die Kommunisten gekämpft hat.

Paulus: Solidarnosc war die verbotene Gewerkschaft. Eine Protestbewegung die aus später maßgeblich den Fall des Kommunismus in Polen mitbeeinflusst hat.

Johanna: Genau, da war mein Stiefvater politisch engagiert. Und darum sind wir durch seinen Rausschmiss dann zuerst im Asylantenheim in Berlin-Reinickendorf gelandet als ich acht Jahre alt war.

Paulus: Das war ja sicherlich ein Einschnitt in deinem Leben. Da musstest du ja erstmal Deutsch lernen, wie war das?

Johanna: Als wir nach Berlin kamen, bestand mein Wortschatz aus: "1,2,3", "Heil Hitler!" und: "Hände hoch!". Also war klar, dass ich sofort Deutsch lernen musste. Weil es mich aber wahnsinnig gemacht hat, nichts zu verstehen, habe ich es mir richtig schnell - innerhalb eines halben Jahres - angeeignet.

Paulus: Welche Rolle hat euer katholischer Glaube dann in Berlin gespielt?

Johanna: Hier ging es genauso weiter: Wir sind in die polnische Kirche in Berlin gegangen, und ich hatte Kommunionsunterricht. Meine Kommunionsfeier war natürlich großartig. Da war ich neun Jahre alt. Ich hab mein weißes Kleid und den Blumenkranz im Haar über alles geliebt. Meine Familie aus Polen hat uns besucht und ich hab eine kleine weiße elegante Armbanduhr geschenkt bekommen. Ich war damals echt happy, daran erinnere ich mich noch.

Als 1989 die Mauer fällt, ändert sich das. Und ab da ist die Kirche für meine Mutter nämlich nicht mehr so wichtig. Das kommunistische Regime gibt es ja jetzt nicht mehr. Und darum muss sie sich da nicht mehr so abgrenzen. Und auch ich war nicht mehr acht sondern mittlerweile 14 Jahre alt. Und damit aus dem Alter raus, wo ich mich über weiße Kleider und Blumenkränze gefreut hab.

Ich war mitten in der Pubertät, habe gegen alles und jeden rebelliert: Ich hab mir meine Haar abrasiert, Löcher in meine Jeans gerissen und meine Lippen schwarz geschminkt und dann hab ich mit Freundinnen gekifft statt in die Schule zu gehen.

Das hatte auch damit zu tun, dass es zuhause überhaupt nicht lief: Meine Mutter hat eine unbezahlte Assistenz nach der anderen gemacht und um die Ankerkennung ihres Ärztediploms gekämpft und mein Stiefvater ist mit seiner Firma pleite gegangen.

Irgendwann hat meine Mutter dann endlich ne normal bezahlte Stelle in einem Krankenhaus bekommen und hat sich von meinem Stiefvater getrennt.

Ich hab dann Abi gemacht, und wollte Japanologie studieren. Japan war für mich damals das Sinnbild für Klarheit und Ordnung - wahrscheinlich als Gegenstück zu dem Chaos, das mich zu Hause umgab.

Und kurz danach, daran erinnere ich mich noch, ist meine Mutter damals aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen, wo sie gearbeitet hat, und hat verkündet, dass wir eigentlich RUBINROTH heißen.

Der Nachname Rubinroth

Sie hat dann noch erzählt, dass drei Viertel unserer Familie jüdisch gewesen sind und dass unser Ur-Opa irgendwann einen polnischen Namen angenommen hat, um sich vor den Nazis zu schützen.

Meine Mutter wollte also ihren wahren Namen Rubinroth zurück. Und hat gefragt, ob ich nicht auch lieber Rubinroth heißen wollte.

Ich war damals schon überrascht von der Entscheidung meiner Mutter aber irgendwie auch froh: Ich hatte nämlich damals den gleichen Nachnamen wie mein Vater, von dem meine Mutter schon ewig getrennt war. Und zudem hatte ich kurz zuvor erfahren, dass er mich adoptiert hatte, und überhaupt nicht mein leiblicher Vater war. Ich war zuerst total geschockt, dann aber auch erleichtert, weil das mir erklärte, warum er sich fast nie bei mir gemeldet hat.

Und wenn unser Familienname Rubinroth war, fand ich das natürlich super, und ja, klar, ich wollte auch gerne so heißen, wie mein Mutter!

Das war, als hätte mir jemand plötzlich einen ganz alten, ganz wunderschönen, wertvollen Familienschmuck übergeben, von dem ich bislang nichts wusste. Ich hab also alles Bürokratische für die Namensänderung in die Wege geleitet und hab dann irgendwann tatsächlich endlich meinen neuen Pass abholen können. Und plötzlich kamen so Fragen auf:

"Aha, Rubinroth, was für ein schöner Name. Wo kommt der denn her?" Und ich weiß noch, wie ich gesagt hab: "Das ist ein alter jüdischer Name." Und wenn jemand gefragt hat, "ach, Sie sind Jüdin?" hab ich gesagt: "Nein. Also meine Familie ja, aber ich nicht." Das war schon ein bisschen schräg. Ich hatte halt plötzlich diesen schönen Nachnamen, hatte aber keine Ahnung, was er bedeutet und was er mit mir zu tun hat.

Der Holocaust

Alles was ich damals wusste, hatte mir meine Oma Hania erzählt: Dass meine adelige Ur-Oma einen Juden geheiratet hat und es großen Ärger gab, weil es sich weder für eine polnische Baronesse schickte, einen Juden zu heiraten, noch für einen Juden eine Goy, eine Nicht-Jüdin, zu heiraten.

Aber das waren halt Familien-Anekdoten für mich, Geschichten, die man sich so erzählt. Mit mir konkret hatte das nichts zu tun. Das Judentum unserer Familie schwang zwar immer ganz leise mit, wurde aber nie direkt ausgesprochen.

Ab und zu erzählte meine Oma Hania von Ravensbrück. Das war zur Nazizeit ein KZ für Frauen in Brandenburg. Sie war dort inhaftiert. Wie lange genau, weiß ich nicht aber auf jeden Fall zur Befreiung, von der sie immer wieder erzählt hat. Ganz lange war mir gar nicht bewusst gewesen, dass sie in einem Konzentrationslager gewesen ist - mir verkaufte sie es immer als "Gefängnis, in dem die Nazis Polen gefangen nahmen, die im Untergrund gegen Hitler gekämpft hatten".

Manchmal hat sie ihren jüdischen Vater erwähnt, und seine Familie , aber dann hat sie immer betont, dass die total assimiliert waren. Also dass sie zwar jüdisch waren aber ein so angepasstes, polnisches Leben geführt haben, dass ihr Jüdischsein überhaupt nicht mehr aufgefallen ist.

Und dann hat mir meine Mutter plötzlich vorgerechnet, dass 17 unserer Familienmitglieder im Konzentrationslager und im Warschauer Ghetto ermordet worden waren.

Erst da ist mir bewusst geworden, dass der ganze Katholizismus meiner Großeltern, mit dem ich meine Kindheit verbracht hatte, eine Verschleierungstaktik unseres Judentums war. Die Juden in unserer Familie liefen als "die anderen" mit - nie waren es WIR. Später hat mir meine Mutter erklärt, warum es für meinen Opa so wichtig war, KEIN Jude zu sein: Jude zu sein, bedeutete für ihn "Opfer" zu sein – und er wollte kein "Opfer" sein.

Plötzlich sah ich auch die Geschichten von Ravensbrück, die Oma Hania mir erzählt hatte, in einem ganz anderen Licht. Plötzlich hatte das alles doch irgendwie was mit mir zu tun! Plötzlich war ich jemand, den man vernichtet hätte.

Die Mutter

Gleichzeitig hat meine Mutter angefangen sich zu verändert. Seit sie den Namen Rubinroth angenommen hat, tauchten in ihrer Wohnung jüdische Kerzenhalter auf. Zuerst die Menora, das ist dieser sieben-armigen Kerzenleuchter. Und später dann für Hannuka die neun-armigen Kerzenhalter.

Die waren riesig, so groß wie ich. Sie sind es immer noch.

Irgendwann hat meine Mutter dann kein Weihnachten mehr gefeiert. Und statt Silvester gab es Rosch Ha Schana im September, das jüdische Neujahrsfest.

Das allerschlimmste für mich war, dass meine Mutter auf einmal meinen Namenstag nicht mehr feiern wollte. Seit Anbeginn meines Lebens in Polen gab es jedes Jahr am 24. Mai meine Namenstagparty.

Im katholischen Polen sind Namenstage total wichtig, sogar in der Straßenbahn leuchtet auf der Anzeige, wer an welchem Tag geehrt wird. Jeder Name hat einen Heiligen, dem ein bestimmter Tag zugeordnet wird. Mein Namenstag, der war mir ganz heilig, und mein Lieblingsfest, das ich fast noch lieber hatte als meinen Geburtstag.

Und das wollte sie nicht mehr mit mir feiern. Und zwar mit der fadenscheinigen Begründung: Wir leben jetzt in Deutschland, und nicht mehr in Polen. Aber ich wusste natürlich: Es ging nicht um Polen, es ging um den Katholizismus, den sie nicht mehr in ihrem Leben haben wollte.

Das war der Zeitpunkt, wo ich langsam sauer wurde. Meine Mutter war jetzt Jüdin und das Judentum war mein Feind, weil es mir meine Mutter und meinen Namenstag gestohlen hatte.

Der Vater

Als ich Mitte 20 war, hatte ich das Gefühl nicht mehr zu wissen, wer ich eigentlich bin. Das hatte mit meiner Vatergeschichte zu tun. Der Mann, von dem ich jahrelang dachte, er sei mein Vater hatte mich ja nur adoptiert. Und über meinen leiblichen Vater wusste ich so gut wie nichts.

Ich wusste nur, dass er die polnische Computertastatur maßgeblich entwickelt und während des Kommunismus in der lybischen Wüste gearbeitet hatte. Hin und wieder tauchten auch Gerüchte auf, dass auch er ein Jude sei, keiner in meine Familie konnte das aber wirklich bestätigen. Ich hab meinen leiblichen Vater irgendwann mal kontaktiert, um dieses Loch in meiner Herkunft zu stopfen. Er hat mich aber immer wieder abgewiesen.

Und in mir blieb immer diese ätzende Sehnsucht, irgendwo hingehören. Und dabei nirgendwo hin zu gehören.

Das war alles too much für mich: Ich hab mir eingeredet, dass das alles Bullshit ist, Herkunft ist irrelevant, und bin einfach feiern gegangen mit sehr viel Glitter, High-Heels und mit Federboas bin ich durch Clubs, After-Hours und fremde Wohnungen in Berlin geirrt.

Manchmal wusste ich nicht, ob gerade Tag oder Nacht ist. Aber es gefiel mir, hielt mich beschäftigt und hat vertuscht, dass ich mich total lost und verloren gefühlt habe. Ich hab in der Zeit zwar Japanologie, Gender-Studies und Theaterwissenschaften studiert aber so planlos, dass überhaupt nicht klar, war, was daraus mal werden könnte.

Ich habe in Clubs gejobbt, in der Marktforschung und in einem Callcenter für Erotik-SMS.

Als ich jedoch, mit Ende 20, eines morgens, ohne Handtasche, dafür aber mit einer Honigmelone in der Hand und einer Acht-Stunden-Lücke vor meiner Haustür im Treppenhaus aufgewacht bin, ging es mir dermaßen hundeelend. Ich hatte Angst, ich hab mich geschämt, was weiß ich, wo ich gewesen war und mit wem. Und da wusste ich: So kann und möchte ich nicht weitermachen.

Und ich habe beschlossen: es reicht!

Das Studium

Die erste Maßnahme war dann ein so genannter Berufs-Orientierungs-Kurs. Da habe ich rausgefunden, dass ich gern Dramaturgie studieren möchte. Ich hab mich also an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie beworben und angefangen Drehbuch zu studieren. Nach einem Jahr haben wir die Aufgabe bekommen, ein 90-minütiges Drehbuch zu schreiben. Das heißt "Erstjahresbuch" und ist so eine Art Vordiplom.

Ein Dozent hatte die Idee, dass wir über Cluster unser Thema herausfinden könnten. Das ging so: Jeder bekam ein großes Blatt mit einem Wort drauf. Um dieses Wort herum sollten wir Assoziationscluster bilden, also alles was uns einfällt aufschreiben, dann Verbindungslinien ziehen, und dann eine Szene schreiben.

Ich stand am Ende des Tages mit einer Szene da, in der ein Geschwisterpaar auf LSD auf einer Electro-Party im Keller eine grässliche Gaskammer-Vision erlebt. Sprich: lauter nackte Oberkörper, kahlrasierte Schädel, zuckend im Stroboskob-Licht und Nebel. Und in dieser Szene haben die beiden Geschwister eine gemeinsame Vision, und sie finden heraus, dass ihre Großmutter eine Jüdin ist, und es bis dahin erfolgreich vertuscht hat.

Und da habe ich gemerkt: Boa, diese Szene, das bin ja ich! Es geht hier um MEINE Oma!. Damit war für mich klar: DAS ist mein Thema: Die Enkel der Holocaustüberlebenden.

In dieser Zeit habe ich auch ein Stipendium in Krakau bekommen, um für ein Radiostück zum Thema meiner jüdischen Wurzeln zu recherchieren.

Die jüdische Gemeinde in Krakau

Während ich also über die Vernichtung und die Trauma-Übertragung und das kollektive Unterbewusste geforscht hab, ist mir aufgefallen, dass ich nichts über die jüdische Religion selbst weiß. Ich kannte zwar das Wort koscher und wusste, dass der Samstag der Shabbat ist aber das war es dann auch. Und ich habe mir vorgenommen, dem Judentum selbst auch eine Chance zu geben und es kennen zu lernen.

Was waren die Traditionen meiner Ahnen? Konnten die vielleicht auch was für mich sein?

Bis dahin hatte ich all das abgelehnt, weil ich meine Mutter so übertrieben fand aber vielleicht würde ich mich doch darin wiederfinden? Ich hab also eine Freundin von meiner Mutter angerufen, die aktives Mitglied der Krakauer Jüdischen Gemeinde war, und wurde dort sofort und super warmherzig aufgenommen.

In Krakau haben wir gemeinsam in Gemeindehäusern herumgesessen, gegessen, gebetet und gequatscht. Als das Shukkot-Fest kam, das ist so ne Art jüdisches Erntedankfest, haben wir eine Hütte aus Laub gebaut und es war ein bisschen wie im Ferienlager. Wir trafen uns zum Freitagsgebet, ich lernte mit geschlossenen Augen vor einer brennenden Kerze zu beten.

Das war schon schräg: Da waren lauter fremde Leute, und trotzdem hatte ich ein hemmungsloses Wohlgefühl. Ein totales "Angenommen-sein".

Dann sind wir zusammen nach Lublin gefahren. Acht Frauen, der Rabbi und ich sind mit einem kleinen Transporter stundenlang durch Polen gefahren. In Lublin sind wir zusammen in die Synagoge gegangen. Die Gemeinden und Synagogen unterscheiden sich ziemlich voneinander, im Grad der Freiheit bzw. Orthodoxie - diese war sehr streng und ich musste mir von einer der Frauen einen Pashmina-Schal ausleihen, ihn um die Hüften binden, also einen Rock simulieren. Weil Frauen der Zutritt in Hosen verboten war.

Wir waren auch an einem Samstag unterwegs, und ich hab gestaunt, wie durchorgansiert alles war: Wir konnten zwar essen gehen aber niemand musste etwas bezahlen. Das wurde später geregelt. Denn am Shabbat darfst du nicht mit Geld hantieren!

Den Schlüssel haben wir uns umgebunden, denn sowohl Schlüssel in der Hosentasche als auch Handtasche tragen, war verboten.

Und ich hab gelernt, dass wir am Samstag nur 2000 Schritte zur Verfügung haben.

Es war natürlich auch lustig, weil wir Frauen das Samstags-Telefon-Verbot nicht so ganz ernst genommen haben wie der Rabbi und heimlich kichernd doch Nachrichten geschrieben haben.

Ich hab mich damals in Krakau zwei Monate lang fallen gelassen, und alles mitgemacht. Ich bin in die Welt der jüdischen Rituale, Bräuche und Gemeinschaft eingetaucht. Für mich war das etwas total Besonderes, Teil eines ur-ur-alten Volkes mit einer so großen Tradition zu sein, und irgendwo dazuzugehören.

Judentum im Alltag in Berlin

Angefüllt mit Traditionen und Ritualen, bin ich dann nach Berlin zurückgefahren. Und ich weiß noch, dass ich im Zug auf der Rückreise ganz ganz traurig wurde, weil ich gemerkt hab: das war alles total spannend und schön aber: Es war nicht wirklich meins.

Es war ein bisschen wie "Hausfrauentausch" - mal in ein fremdes Leben reinschnuppern.

Vor allen Dingen habe ich gemerkt: Wenn ich mit all diesen jüdischen Wertvorstellungen und Regeln aufgewachsen wäre, hätte ich wahrscheinlich genauso dagegen rebelliert wie damals mit 14 gegen meine Familie.

Allein die Vorstellung, dass man mir ernsthaft den Eintritt irgendwo verwehren würde, nur weil ich eine Hose trage, macht mich jetzt noch fassungslos.

Trotzdem wollte ich ausprobieren, ob ich etwas von den Traditionen in meinen normalen Alltag integrieren kann. Aber ehrlich: Als ich das Gebet so allein machen wollte, zu Hause, kam ich mir ziemlich bekloppt vor.

Und allein den GEDANKEN, meinen Freunden zu sagen: Hey, du, ich kann am Samstag nicht zu deinem Geburtstag kommen, weil ich doch nur 2000 Schritte zur Verfügung habe, fand ich total befremdlich.

In Krakau, in der Gemeinschaft hat es gut funktioniert, aber eben in der Gemeinschaft!

Ich war also hin und her gerissen - einerseits habe ich mich so aufgehoben und dazugehörig gefühlt, und etwas an diesen ganzen Riten zog mich an und gab mir das Gefühl, richtig zu sein, andererseits: Was hatte das mit mir zu tun? Bedeutete jüdisch zu sein, denn zwingend, auch religiös zu sein? Was war denn meins an dem Ganzen?

Jüdische Gemeinden in Berlin

Inzwischen recherchierte ich weiter für mein Radiostück zum Thema Judentum, es hatte eine Form angenommen und ich wollte dafür verschiedene jüdische Gemeinden in Berlin kennen lernen.

Ganz heimlich hatte ich auch immer noch die Sehnsucht irgendwo dazuzugehören und dachte: Vielleicht würde ich ja doch noch eine Gemeinschaft finden, in der ich mich zu Hause fühle?

Zwar hab ich da schon gewusst, dass ich keine religiöse Jüdin bin aber irgendwas war doch in mir, was sich zu dem ganzen hingezogen fühlte.

Ich bin also in die Synagoge in der Rykestrasse im Prenzlauer Berg gegangen, in der Nähe vom Wasserturm. Das ist ein riesiges wunderschönes Backsteingebäude, die größte Synagoge Europas.

Und sie ist auch etwas freier: den Gottesdienst hat eine rothaarige Dame, eine Rabbinerin an. Das fand ich schon ganz gut. Aber der Gottesdienst selber! Er fand auf Deutsch statt, also da ist der ganze Zauber dieser schönen Gebete auf hebräisch für mich geplatzt, als ich verstehen musste, was gesprochen wurde. Im Grunde genommen, ging es darum, dass wir uns freuen sollen über den Sonnenschein am Morgen und den Apfel zum Frühstück.

Das Ganze war total betulich und ich war enttäuscht.

Ich musste also feststellen: mein Seelenheil in einer Synagoge werde ich nicht finden.

Aaron und die Liebe

Während ich also gesucht habe: "Wer bin ich?" und: "Was hat mein Judentum mit mir zu tun?" bin ich im Sommer 2010 mit Freunden auf ein Open-Air-festival gefahren, die "Nation of Gondwana" irgendwo in der Brandenburger Pampa. Und dort hab ich Aaron kennen gelernt. Also ich will ihn mal Aaron nennen. Eigentlich war mir nicht nach Affären, ich hatte genug mit mir selbst zu tun, aber Aaron war wahnsinnig lustig und irgendwie mochten wir uns auf Anhieb gern. Wir haben in einer großen Runde Jägermeister getrunken und als er mitbekommen hat, dass ich Rubinroth heiße, hat er seine Arme geöffnet und gesagt: "Deine Mutter ist Jüdin, du bist Jüdin, du gehörst zu uns. Wir sind auserwählt. Wir sind das Volk Gottes." Ich dachte, Aaron meint das ironisch und hab gelacht.

Dann haben wir zwei Tage durchgetanzt, und sind dann zusammen in die Stadt zurück gefahren.

Gleich paar Tage später sind wir bei seiner Mutter nach Hause eingeladen worden. Ich weiß nicht, was er ihr erzählt hatte aber es waren zig Tanten und Cousinen da, die mich alle begutachtet haben als wäre ich ein Pferd zum Verkauf. Aaron hat gestrahlt. Anscheinend kam ich da gut an.

Und seine Mutter hat mir die ganze Zeit erzählt, was Aaron am liebsten isst. Und zwar so ganz konkret: Den gefillten Fisch mag er so und so, Fleisch mag er nur ganz selten. Ich fand das ein bisschen seltsam, hab mir dann aber gedacht, sie meint es bestimmt gut und ist total stolz auf ihren Aaron. War ja auch niedlich. Andere Mütter zeigen Babyfotos von ihren Söhnen.

Als ich dann in die Küche gegangen bin, hab ich doch ein bisschen Angst bekommen. Die hatten echt zwei Kühlschränke, einen für Milchspeisen und einen für Fleischspeisen. Da habe ich mich gefragt, was denn wäre, wenn ich einen Cheeseburger oder eine Pizza Hawaii essen wollte. Muss ich mich dann verstecken?

Ich war in einem merkwürdigen Zwiespalt: Einerseits tun hier alle so, als kennen wir uns seit immer, immer wieder wird betont, dass wir gemeinsame Geschichte teilen. Aber andererseits spüre ich, dass ich anders bin und mich für diese Welt auch nicht verstellen will.

Nach diesem Besuch hat Aaron mich nach Hause gefahren. Wir hatten gerade ein Date bei meiner Mutter ausgemacht, die wahrscheinlich völlig aus dem Häuschen wäre, wenn ich ihr einen jüdischen Freund anschleppte. Und auf der Rückfahrt sprechen wir so darüber, wer wie viele Verluste im Holocaust hatte - Aarons Familie direkt hatte keine - seine Familie war seit Ewigkeiten in Israel gewesen.

Und als ich von meiner adligen Uroma erzählte, was für einen Stress sie hatte, weil sie einen Juden geheiratet hat, fragt er plötzlich: "Wie? Also nicht, dass es mir was ausmacht, aber Deine Ur-Oma ist keine Jüdin?" Ich so: "Nee, sag ich doch, sie war ne Baronesse und hat einen Juden geheiratet". Und er schaut mich in dem Moment an, als hätte ich ihm etwas ganz Schlimmes gebeichtet.

Weil für ihn war ich in dem Moment keine Jüdin mehr. Im Judentum wird die Religion nämlich durch die Mutter weitergegeben. Und wenn mein Urgroßvater nun Jude waren aber meine Urgroßmutter nicht, dann bin ich eben nicht jüdisch genug.

Ich weiß nicht, ob es IHM selbst, oder wegen seiner Mutter, was ausmachte, aber ich war schon durch diese Nachfrage so gekränkt und durch diesen Blick, den er drauf hatte, dass ich meine Handtasche genommen hab und ausgestiegen bin. Weil ich in diesem Moment kapiert habe: Hey, dem geht es gar nicht um MICH. Der sucht die perfekte jüdische Frau, mit reinem Blut.

Und dieses Gefühl, dass es ihm eigentlich gar nicht um mich ging, das hat mich total frustriert. Und verwirrt. Mit unkoscherem essen und Tanzmusik hab ich versucht diese Gegensätze und Aaron zu überwinden. Das ging dann auch.

Das rubinrothe Erbe

Als ich ein paar Monate später auf einem Familientreffen meinen Geschwistern und Cousinen diese ganzen Geschichten erzählt habe, und wir alle zusammen Erfahrungen ausgetauscht und gelacht haben, da hab ich gemerkt:

Was suche ich da in der Fremde nach einer Gemeinschaft, wenn ich doch hier direkt vor meiner Nase eine große und großartige Familie habe? Ich habe zwar keine Ahnung, wie mein leiblicher Vater tickt aber ich habe drei Geschwister und etliche Cousins und Cousinen (in Warschau, Australien und Kanada) die sich auch mit unserem rubinrothen Erbe auseinander setzen. Auch habe ich mit der Zeit gelernt, meine Mutter zu verstehen und werde nicht mehr wütend, wenn sie mir "mazel tov" in hebräischen Buchstaben schickt, wenn es was zu Feiern gibt. Stattdessen denke ich: Naja, das alles wurde ihr gestohlen, jetzt muss sie es sich wiederholen. Why not?

Ich bin durch meine Suche zwar nicht religiös geworden, aber das Judentum ist zu einem Teil meiner Identität geworden. Es hat mich ganzer gemacht, Lücken geschlossen.

Aus meiner Recherche ist beim Deutschlandfunk ein Radiofeature geworden, mit dem Titel: "Plötzlich Jüdin", es folgte eine kleine Doku über Frauen, die in der Mitte ihres Lebens erfahren, dass sie jüdisch sind. Da ist mir aufgefallen: DAS ist es, was mich glücklich macht, mich mit jüdischen Themen in meiner Arbeit auseinander zu setzen. Das ist MEINE Art mein Judentum zu leben.

Als ich an einem Seminar teilgenommen hab und der Dozent mich, wie üblich halt, gefragt hat: "Rubinroth, schöner Name, sind Sie Jüdin?", habe ich nicht "Nein" gesagt, sondern: "Irgendwie schon".