Der Springer-Verlag hat Julian Reichelt - Chefredakteur der größten deutschen Tageszeitung - gestern "von seinen Aufgaben entbunden". Hintergrund sind Enthüllungen, Reichelt habe seine Macht missbraucht. Der Spiegel hat diese Enthüllungen jetzt veröffentlicht.

Julian Reichelt soll seine Macht ausgenutzt und sich immer wieder jungen Frauen in der Redaktion, vor allem Volontärinnen und Praktikantinnen, angenähert haben, so der Spiegel. Mehr als das: Der Bild-Chefredakteur habe sexuelle Beziehungen mit den jungen Frauen gehabt. Diese seien zwar einvernehmlich gewesen, trotzdem ist das Ganze problematisch, weil dabei Abhängigkeitsverhältnisse entstehen können.

Klares Machtgefälle

Es soll ein klares Machtgefälle gegeben haben, berichtet Aglaia Dane aus den Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten. Die jungen Frauen hätten nämlich teilweise schnell verantwortungsvolle Jobs bekommen – sie seien gefördert, aber auch unter Druck gesetzt worden. Eine Frau habe wohl so stark unter der Situation gelitten, dass sie in psychiatrische Behandlung musste. Das Ganze habe zu einer problematischen Unternehmenskultur geführt.

"Laut einer Führungskraft sollen die Frauen vor allem nach ihrer 'Fuckability' beurteilt worden sein, berichtet der Spiegel."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Manchmal seien Volontärinnen, bevor sie den Konferenzraum betreten haben, angekündigt worden mit den Worten "Vorsicht, das ist eine von Julian". Es war wohl bekannt, mit wem er Verhältnisse hatte. Laut einer Führungskraft sollen die Frauen vor allem nach ihrer "Fuckability" beurteilt worden sein, so der Spiegel.

Vorwurf des Drogenkonsums

Ganz neu sind diese Vorwürfe nicht. Bereits im Frühjahr 2021 gab es Hinweise darauf, dass Reichelt seine Macht in dieser Form missbraucht. Dabei ging es auch um Drogenkonsum am Arbeitsplatz: Der Chefredakteur soll Kokain konsumiert haben. Springer hatte die Vorwürfe damals intern geprüft und war zu dem Schluss gekommen, dass das alles im Rahmen geblieben ist. Nach zwei Wochen Beurlaubung war Reichelt wieder zurück auf seinem Platz.

Durch die Recherchen gibt es laut Springer inzwischen allerdings neue Erkenntnisse, die eine solche Lösung nun nicht mehr erlauben. Julian Reichelt soll – auch nach der internen Prüfung im Frühjahr – weiterhin "Berufliches und Privates nicht klar getrennt" haben. In diesem Zusammenhang soll er auch die Unwahrheit gesagt haben, so der Konzern. Daher nun die Entlassung.

Einige Kollegen stellen sich hinter Julian Reichelt

Gestern gab es Reaktionen von Reichelts Kolleginnen und Kollegen – beim Fernsehkanal Bild Live. Mit dabei war Paul Ronzheimer, der stellvertretende Chefredakteur. Er und andere halten zu Reichelt und bedauern die Entlassung des Mannes, der "durch seine journalistischen Glanzleistungen, seine Ideen, seine absolute Power, die er in das Programm gesteckt hat, so viele Menschen hier bei Bild geprägt" habe.

Sehr viel Dank war zu hören, allerdings kein Wort zu den Anschuldigungen gegen Reichelt und zu dem, wie offenbar mit Frauen bei Bild umgegangen wurde, berichtet Aglaia Dane.

Langer Weg bis zur Veröffentlichung der Recherchen

Bis die Recherchen jetzt am Ende auch erschienen, war es ein langer Weg. Und zwar, weil der Verlag, unter dessen Dach die Journalistinnen und Journalisten ursprünglich recherchiert hatten, plötzlich einen Rückzieher gemacht hat, so Aglaia Dane. Die Mediengruppe Ippen, zu der auch die Frankfurter Rundschau gehört, hatte ein Investigativ-Team beauftragt. Dieses hatte mit Bild-Mitarbeitenden gesprochen, die anonym bleiben wollen. Auch interne Protokolle und Chats wurden gelesen.

"Der Rückzug der Recherchen hatte für große Empörung gesorgt, auch beim Investigativ-Team selbst."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Verlagschef Dirk Ippen hatte die Entscheidung, die Recherche-Ergebnisse doch nicht zu publizieren, damit begründet, dass der Verlag im direkten Wettbewerb mit Bild steht. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, man wolle einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden. Der Rückzug sorgte für große Empörung bei Journalistenverbänden, aber auch beim Investigativ-Team selbst, das ein Protest-Schreiben veröffentlichte.

Vorgestern (17.10.2021) erschien dann ein Artikel in der New York Times, in dem einige der Enthüllungen bereits enthalten waren. Auch wurde dort angerissen, dass Ippen nicht publizieren wollte. Offenbar hat dieser Artikel dann einiges ins Rollen gebracht, so Aglaia Dane.