Für den beruflichen Erfolg braucht es keinen Unititel. Trotzdem entscheiden sich die meisten noch immer für den Weg mit Abitur und Studium. Statt starr in Ausbildung und Abitur zu trennen, ist heute viel wichtiger, Theorie und Erfahrung zu verbinden.

Wenn es um die berufliche Karriere geht, scheint immer noch die Annahme zu überwiegen: Wer Karriere machen möchte, braucht dafür Abitur und ein Studium. Dazu passt es, dass die Zahl der Ausbildungsverträge jedes Jahr weiter abnimmt. Gab es 2008 über 600.000 Auszubildende pro Jahr, ist es aktuell nicht mal mehr eine halbe Million. Das bedeutet: Aktuell entscheidet sich die eine Hälfte eines Jahrgangs für eine praktische Ausbildung, die andere macht Abi und studiert.

Kriterien wie der Verdienst, Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten, Selbstständigkeit im Beruf, Freiheiten und auch Dienstreisen spielen in dem Kontext oft eine entscheidende Rolle, erklärt Bildungsjournalist Armin Himmelrath. Auf den ersten Blick scheint der Weg mit Abitur und Studium hierbei vermeintlich erfolgversprechender. Möglich sind diese Kriterien aber auch ohne einen akademischen Weg.

"Es kommt vor allem darauf an, was dir selbst wichtig ist. Es sieht möglicherweise nur auf den ersten Blick so aus, als ob das Abi besser ist."
Armin Himmelrath, Deutschlandfunk-Nova-Bildungsexperte

Wie viel höher etwa die Verdienstmöglichkeiten sind, kommt darauf an, aus welcher Perspektive man darauf schaut. Ein Studienabschluss sorgt in der Gesamtsumme nicht zwingend für ein höheres Monatsgehalt. Denn: Während Azubis ihr erstes Geld verdienen, vergehen bei den Studierenden ein paar Jahre bevor sie überhaupt ein Gehalt bekommen. Hier haben Auszubildende vorerst also einen zeitlichen Vorsprung, der aber im Laufe der Zeit wieder abnimmt und auf das gesamte Leben gerechnet allerdings keinen großen Unterschied macht, sagt er.

Weg vom "Akademisierungswahn"

Zumal der über Jahre anhaltende Trend zum Abitur auch für einen Fachkräftemangel sorgt wie im Handwerk oder in der Pflege. Philosoph Julian Nida-Rümelin von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) spricht hier von einem Akademisierungswahn, der in den letzten Jahren stattgefunden habe. Momentan steigt allerdings wieder die Wertschätzung für praxisnahe Berufe. Das sei wichtig, damit wir wieder anerkennen, dass jeder Beruf gleich viel wert ist. Eine Einteilung in besser und schlechter führe für unsere Gesellschaft zu nichts.

"Der Master und der Meister, das sind zwei unterschiedliche Wege in das Leben und den Beruf. Das ist nicht ein Oben und Unten. Wir müssen uns davon lösen."
Julian Nida-Rümelin, Philosoph und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Zudem schließt eine Ausbildung nicht gleich aus, dass sich eine Person weiterbildet und nachqualifiziert. Für eine erfolgreiche Karriere ist es daher entscheidender, so Armin Himmelrath, Erfahrung und Theorie miteinander zu verknüpfen und nicht ein bestimmter Titel.

Starre Grenzen weichen auf

Vielmehr lösen sich die starren Grenzen zwischen dem akademischen und nicht-akademischen Bereich gerade auf. Eine große deutsche Supermarktkette sucht zum Beispiel explizit nach Studienabbrechern und bildet sie für die Filialleitung aus. Ähnlich sieht es bei einigen anderen Unternehmen aus.

Und auch manche Hochschulen suchen verstärkt nach Auszubildenden, die im Anschluss ein Studium anknüpfen möchten. An der Hochschule Ruhr beispielsweise hat nur ein Viertel der Studierenden ein klassisches Abitur.