Die internationale Kunstausstellung Documenta wird aktuell von einer anderen Seite beleuchtet: Dabei geht es um ihren Bezug zur NS-Zeit in der Entstehungsgeschichte. Das Deutsche Historische Museum präsentiert vom 18. Juni 2021 bis zum 9. Januar 2022 in einer eigenen Ausstellung neue Forschungsergebnisse. Die Kunstforscherin Julia Friedrich und der Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis berichten.

Die erste Documenta fand 1955 statt. Bei ihrer Gründung wurde jedoch kein Bruch mit der Zeit der Nationalsozialisten vollzogen. Im Gegenteil: Die Organisatoren beriefen sich stattdessen auf eine Kontinuität der deutschen und europäischen Kunst durch die Zeit des Dritten Reiches hindurch, die es jedoch in Wahrheit nicht gegeben hat. Kein einziges Werk jüdischer oder kommunistischer Künstlerinnen und Künstler wurde in die Documenta aufgenommen, ebenso blieben Werke emigrierter Menschen unberücksichtigt.

"Es gab Kontinuitäten zum Nationalsozialismus. Werke ermordeter jüdischer Künstlerinnen und Künstler fanden keinen Platz in den Anfängen der Documenta."
Raphael Gross, Stiftung Deutsches Historisches Museum

Hälfte der Documenta-Organisatoren waren Mitglieder von SA und SS oder der NSDAP

Rückblickend kein Wunder: Fast die Hälfte der Documenta-Organisatoren waren ehemalige Mitglieder der SA und SS oder der NSDAP. Die Kuratorin Julia Friedrich vom Kölner Museum Ludwig erläutert, wie die Macher die Epoche des Dritten Reiches mit all ihren Opfern und Gräueltaten gekittet, übertüncht und verharmlost haben. Für Friedrich im Nachhinein eine "gruselige Vorstellung".

"Man hat die eigenen Wunden zu Wunden der Menschen überhaupt abstrahiert und die Wunden der Opfer des Nationalsozialismus damit verborgen."
Julia Friedrich, Museum Ludwig Köln

Auswirkungen der NS-Zeit auf Künstlerinnen und Künstler

Der Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis nimmt Hitlers und Goebbels Liste der sogenannten "Gottbegnadeten" genauer in den Blick. Im August 1944 von beiden persönlich aufgestellt, enthielt sie Namen von fast 400 Künstlerinnen und Künstlern, die als "artenrein" galten. Viele von ihnen machten in der NS-Zeit Karriere, setzten diese in der Bundesrepublik nahtlos fort, hielten Lehrveranstaltungen ab und gaben ihr Urteil über andere Künstlerinnen und Künstler bei Preisverleihungen ab.

Die Kuratorin am Kölner Museum Ludwig und Kunstforscherin Julia Friedrich sowie der freie Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis haben auf einem Symposium des Deutschen Historischen Museums in Berlin gesprochen. Es fand am 15. Oktober 2019 in Vorbereitung auf eine Ausstellung in Berlin statt. Diese beschäftigt sich mit der Geschichte der documenta seit ihrer Gründung im Jahr 1955. Die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst" ist vom 18. Juni 2021 bis zum 9. Januar 2022 zu sehen. Der Vortrag von Julia Friedrich lautet: "Moderne ist die beste Medizin. Wie die documenta den Deutschen half, die Wunden, die sie anderen zugefügt hatten, für ihre eigenen auszugeben und gleich zu heilen." Wolfgang Brauneis spricht über "Die Gottbegnadeten in der Bundesrepublik. Künstler des Nationalsozialismus in der 1950er und 1960er Jahren".