Pius XII. war während des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus als Papst an der Spitze der katholischen Kirche. Und doch hat er in seiner Amtszeit kein einziges Wort über den Holocaust verloren. Ab dem 02. März soll es Antworten geben, warum er geschwiegen hat. Dann öffnet der Vatikan sein Archiv.

Warum hat Papst Pius XII. während der Nazizeit geschwiegen? War er ein Antisemit? Ab dem 02. März 2020 öffnet der Vatikan für 85 internationale Forschende sein Archiv. Sie sollen aus mehr als 200.000 Akteneinheiten Antworten finden.

"Diesmal werden die Leichen im Keller des Vatikans ans Tageslicht kommen, wenn es sie gibt", sagt Klaus Hofmeister, Redakteur für Religionsthemen beim Hessischen Rundfunk. Totale Transparenz – Das hat die katholische Kirche im Vorfeld versprochen.

Papst Pius XII.
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Papst Pius XII.

Unter Hunderttausenden Akten ist auch das Privatarchiv von Papst Pius XII., der 1939 ins Amt kam. Geht es um die Geschichte der katholischen Kirche, ist er eine Schlüsselfigur von der bisher nicht viel bekannt ist. Denn: Während seiner gesamten Zeit als Papst, also während und nach dem Zweiten Weltkrieg, hat er sich zu keinem Zeitpunkt ausdrücklich und unmissverständlich zum Holocaust geäußert.

Klaus Hofmeister hofft, dass sich mithilfe der Redemanuskripte des damaligen Papstes herausfinden lässt, wie er seine Reden redigiert hat. Ob er Wörter wie "Juden" oder "Vernichtung" beispielsweise im Nachhinein rausgestrichen hat, oder sie von vorneherein nicht drin standen.

"Standen schon in den Vorlagen die Stichwörter 'Juden' und 'Vernichtung‘ nicht drin oder hat er sie nachträglich rausgestrichen?"
Klaus Hofmeister, Redakteur für Religionsthemen beim Hessischen Rundfunk

Nach wie vor steht die Frage im Raum, ob der Papst den Massenmord der Nazis womöglich hätte verhindern beziehungsweise beeinflussen können. Denn die katholische Kirche war als internationale Instanz unabhängig von politischen Machtstrukturen, erklärt Klaus Hofmeister.

Und unter ihnen gab es Kirchenvertreter, die Stellung zu den Verbrechen der Nazis bezogen haben, zum Beispiel Kardinal Galen. Er war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster und hat die nationalsozialistischen Euthanasieprogramme kritisiert. Warum also hat Pius XII. nicht ähnlich gehandelt?

Verantwortung übernehmen und für Klarheit sorgen

Klar ist: Es sollen moralische Konsequenzen folgen, die katholische Kirche soll sich nach einer Zeit des Schweigens zu ihrer Verantwortung bekennen.

Gerade auch, weil Anhänger des ehemaligen Papstes auf seine Seligsprechung pochen. Für die jüdische Gemeinde ist das ein Skandal, erklärt der Religionsexperte. Vorher müsse die Geschichte der katholischen Kirche und die von Papst Pius XII. von unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgearbeitet werden. Dem stimmte die Deutsche Bischofskonferenz bei einem Treffen mit dem Zentralrat der Juden am 17. Februar zu.