Mit 14 wird Okot in Uganda von der Lord's Resistance Army (LRA) verschleppt – eine paramilitärische Gruppe, die gegen den Staat kämpft und ihn zum Kindersoldaten macht. Okot mordet und plündert. Bis er irgendwann merkt, dass es keine Zukunft für ihn bei der LRA gibt. Er darf nicht in die Schule gehen, kann nicht aufsteigen. Okot flieht und kehrt zurück zu seiner Familie. Aber die Erinnerungen bleiben und plagen ihn, bis er sich ihnen stellen muss: Er macht eine Therapie. Die hilft, aber Okots Schuld und die Ängste bleiben, bis er Vergebung in der Kirche findet. 

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Okot: I escaped from deep inside Sudan, I walked for seven days, and came to Kitgum, bordering Uganda, and Sudan, so I came there and reported to one of the residents, and then they took me to government soldiers and I was brought back home.

Das ist Okot. Er ist heute 36 Jahre alt. Hier erzählt er von seiner Flucht vor 20 Jahren. Da war er 16: Sieben Tage lang ist er vor der Lord's Resistance Army von Joseph Kony geflohen. Zu Fuß ist er vom Sudan, wo die LRA sich aus Furcht vor der ugandischen Armee zurückgezogen hatte, zurück nach Uganda gelaufen, in die Grenzstadt Kitgum. Ein Marsch von über 300 Kilometern. 

1999, da nehmen die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten und der LRA gerade ab. Die Regierung hat den ehemaligen Kindersoldaten von Joseph Kony Straffreiheit ausgesprochen. Als Okot bei seiner Flucht auf Soldaten der Regierung trifft, muss er darum keine Angst haben. Sie bringen ihn sogar zurück in sein Heimatdorf nach Eppo – zu seiner Familie.

Okot: All of them were crying, it was as if somebody had died, but I think those were tears of joy, also I joined them in crying so much.

Als die Dorfbewohner und seine Familieihn zum ersten Mal wiedersehen, müssen sie weinen - vor allem Okots Mutter.

Okot in der Kirche
© Deutschlandfunk Nova | Minh Thu Tran
Okot heute

Okot: My mother thought I was dead, not coming back, it was already two years, she went to a number of witch doctors, to consult the spirits, to many houses of prayers to pray that I should come back.

Keiner hat mehr damit gerechnet, dass Okot noch am Leben ist. Als Okot heimkommt, ist er abgemagert, kränklich – aber am Leben. Doch das Haus seiner Familie darf er nicht einfach so betreten.

Okot: We have a culture where you have to perform certain rituals when coming from the bush, because they believe that you shall have killed somebody, you shall have done atrocities, so when you come home, you have to be cleansed of all that you have done.

Zuerst muss er gereinigt werden - von all dem Bösen, das er getan hat, als er in der LRA war. Seine Mutter, die Verwandten, die Nachbarn, alle haben sich vor dem Haus von Okots Familie versammelt. Vor ihm, auf dem Boden, liegt ein rohes Ei auf zwei gekreuzten Zweigen. Das Ei steht für Unschuld, für Reinheit. Okot steigt auf das Ei. Als es unter seinen Füßen zerbricht, bricht auch die Spannung. Seine Mutter nimmt ihn in die Arme. 

In dem Moment muss er an ein anderes Ritual denken. Eines, das ihm vor zwei Jahren aufgezwungen wurde - und das ihn zu einem Mitglied einer anderen Gemeinschaft machte. Einer Gemeinschaft, die ihm danach eine Waffe gab.

Mit 14 wird Okot Kindersoldat

Schwüle Hitze, Stechmücken, Gestrüpp. Okot ist gerade 14 Jahre alt und er ist irgendwo im Nirgendwo. Die Rebellen der LRA haben sein Dorf überfallen. Sie haben ihn gemeinsam mit anderen Kindern aus seinem Dorf mitgenommen und in die Wildnis irgendwo zwischen Uganda und Sudan verschleppt. 

Okot steht da mit einem Dutzend anderer Jungs, sie alle sind im Teenageralter. Joseph Kony, der Anführer dieser christlichen Terrormiliz, der LRA, benutzt die Jungs für seinen irren Plan. Er will in Uganda einen Gottesstaat errichten – sich selbst sieht er als Propheten. Ob das reines Kalkül ist oder wirkliche Verblendung, weiß niemand.

Okot: What I can remember as the rites performed to us, it was the shea nut oil, the person would tap in on his thumbs and put it on your forehead, your chest and your toes and your feet.

Okot erzählt gerade, dass die erwachsenen LRA-Rebellen die Jungs mit Shea-Oil beschmiert haben. Sie haben sie auf die Stirn geschmiert, auf die Brust und auf die Füße. Und sie reden ihnen dabei ein, dass durch dieses Ritual die Geister und die Seelen der Jungs an den Anführer Joseph Kony gebunden werden, dass eine Flucht unmöglich ist.

Okot will im ersten Moment nur weg, erzählt er uns. Aber er hat auch Angst. Von den anderen Jungs hat er gehört, dass der Anführer der LRA übernatürliche Kräfte hat. Konys Anhänger glauben, dass er in die Zukunft sehen kann, dass er fliegen kann – und dass er sogar die Gedanken der Kinder lesen kann. Es sei schon gefährlich gewesen, einfach nur an Flucht zu denken, erzählt uns Okot.

Okot: If you are discovered to be planning about your escape, or you have been discovered to be plotting with a friend to escape from the bush, you would be killed. Actually, your comrades would be the ones killing you, either by beating, or walking on you until you are dead. Several people I have witnessed them being killed like that.

"If you are discovered to be planning about your escape, or you have been discovered to be plotting with a friend to escape from the bush, you would be killed."
Okot über die Zeit, als er in der LRA Kindersoldat war

Allein schon wer dabei erwischt wird, eine Flucht zu planen, der stirbt. Wer fliehen will, wird ermordet von den eigenen Kameraden, das hat Okot selbst mitbekommen. Auch er hat andere Kinder getötet, die fliehen wollten. Fast 20 Jahre ist das her. Doch noch immer fühlt er sich deswegen schuldig - auch wenn er sagt, dass er damals keine andere Wahl hatte.

Schon wenige Wochen nach seinem Initiationsritual, dem mit dem, Shea-Oil, da bekommt Okot seine erste Waffe. Die Jungen müssen zum "Training". Und Okot lernt schnell, was die LRA von ihm erwartet: Er muss schießen. Er muss plündern. Und er muss töten.

Okot: Immediately we finished our training we were selected to go and have a tryout, so we went and laid an ambush and these soldiers banged on us, so we killed them, we engaged in a fire.

"I was feeling very sorry that I started killing people almost for nothing. But on the other side you hear your colleagues, peers are yelling up."
Okot muss als Kindersoldat regelmäßig Menschen umbringen

Schon wenige Tage nach dem Training werden die Jungs losgeschickt. Sie sollen Regierungssoldaten in einen Hinterhalt locken. Okot erschießt schon bei dieser ersten Bewährungsprobe einen Menschen, einen Soldaten der Regierung. 

Okot: I was feeling very sorry that I started killing people almost for nothing. But on the other side you hear your colleagues, peers are yelling up.

Die Kindersoldaten der LRA feiern jeden Sieg. "Wir haben gewonnen", rufen sie und loben Okot. Doch der kann sich nicht über seinen Erfolg freuen. 

Okot: You also try to cheer up, but deep inside you are cut, you are cut too deep.

Du sollst nicht töten, heißt es in der Bibel. Und doch tötet er – scheinbar grundlos. Tief drin spürt er, dass etwas in ihm zerbrochen ist, weil er getötet hat. Aber nach außen, da lässt sich Okot seine Zweifel nicht anmerken. Er kämpft, tötet und stellt keine Fragen.

Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Dominic Ongwen wird Okots Vorbild

Schon kurz nach seiner Entführung wird er der "Escort", also der Bodyguard eines hochrangigen Kommandanten: Dominic Ongwen. Dieser Dominic Ongwen sietzt heute als mutmaßlicher Kriegsverbrecher auf der Anklagebank, beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Er soll mit seinen Truppen Dörfer geplündert haben, er soll vergewaltigt haben und gemordet haben. Damals, Ende der Neunziger Jahre, wird Ongwen so etwas wie Okots Mentor.

Okot: He was a lovely man. You would not see him as a commander or as somebody of high authority. He would always down to us. 

Okot erzählt da gerade von Dominic Ongwen, als wäre er Familie. Er erzählt von gemeinsamen Abenden mit Ongwens Frauen. Wie sie zusammen Essen zubereiten. 

Okot: So he was more like a father.

Noch heute spricht Okot mit Anerkennung von Dominic Ongwen. Obwohl es dieser Mann war, der ihn dazu gebracht hat, die Taten zu begehen, für die er sich heute noch schuldig fühlt. Vielleicht liegt es auch daran, dass Dominic Ongwen Okots Situation selbst gut kannte. Auch Dominic Ongwen wurde als Kind von der LRA entführt. Das war Ende der Achtziger Jahre, da hat der Bürgerkrieg in Uganda gerade angefangen. Ongwen wächst bei der Miliz auf, er muss plündern und er muss töten, genau wie Okot. Im Laufe der Zeit ist er innerhalb der LRA aufgestiegen – zu einem wichtigen Kommandanten.

"I loved to fight because he also loved that. So I would feel good. I would really feel good."
Für Okot wird Dominic Ongwen zum Ziehvater

Für Okot ist Dominic Ongwen eine Vaterfigur, er schaut zu ihm auf, er eifert ihm nach. Und er will genauso sein wie er. Bei jeder Schlacht, wenn Dominic Ongwen an vorderster Front stürmt, ist Okot immer dicht hinter ihm. Und wie sein Mentor brennt auch er Hütten nieder, er ermordet die Bewohner und er entführt andere Kinder.

Okot: I loved to fight because he also loved that. So I would feel good. I would really feel good.

Neben Dominic Ongwen zu kämpfen, das fühlt sich gut an. Okot fühlt sich gut. Und nach jeder Schlacht, wenn die Hütten brennen, die Bewohner tot sind und ihre Kinder entführt, da belohnen sich Okot und seine Kameraden mit dem was übrig bleibt, mit dem, was sie aus den Hütten geplündert haben. 

Okot: I would get biscuits. I would get soda. Something that was edible. And also other thing I would get new uniform, because we would kill soldiers. They have blood on it. 

Okot hat sich verändert. Es ist nicht mehr so wie am Anfang, als er einfach weg wollte aus der LRA. Okot hat jetzt eine Familie und in Dominic Ongwen einen Ersatzvater. Und auch wenn er jetzt jeden Tag raus muss und Dörfer überfallen muss und Menschen töten muss – das macht ihm nichts mehr aus. Mittlerweile will er kämpfen. Und er will töten.

Okot: I was now free. But of course still attached to the bigger team. But I would also go and abduct others. I would even try to command the civilians to do certain things. Life was good for me, it was good.

Fliehen um zur Schule zu gehen

Okot ist nicht mehr der Schuljunge, dieser unschuldige Junge, der er war. Er hat Macht, er ist Soldat. Und er will mehr. Ongwen, der verspricht, ihn zu fördern und ihn zur Schule zu schicken. Entweder nach Kenia oder in den Sudan, wo die Lage ruhiger ist. Aber es bleibt bei dem Versprechen. Okots Wunsch vom Aufstieg geht nicht in Erfüllung.

Okot: I never witnessed anybody being taken to school. That was one of the things that really disturbed my mind. I saw those ones, that were abducted before me, they were in the camps in Sudan.

Kein einziger dieser Kindersoldaten wurde von der LRA zur Schule geschickt, sagt Okot. Warum sollte es bei ihm anders sein? In Okot reift zu der Zeit ein Entschluss: Er muss gehen. Er braucht Bildung, er muss zur Schule, er braucht ein Gespür für Taktik, wenn er irgendwann so werden will, wie sein Mentor, wie Dominic Ongwen.

"I never witnessed anybody being taken to school."
Okot beschließt, aus der LRA zu fliehen, um zur Schule zu gehen

Okot: My intention of leaving the bush was to come, study and be big, go back and be big like Dominic, because he was encouraging me so much.

Und so landet Okot also wieder bei seiner Familie, in seinem Heimatdorf Eppo. Hier ist er wieder der "Sohn von" und nicht mehr der Mann, der er in der LRA war. Er ist nicht mehr Soldat, sondern Schüler. Nach seiner Zeit bei der LRA kommt er hier wieder zurück – auf den Boden der Tatsachen. Das Land ist zu der Zeit von den Kämpfen erschöpft. 

In der Hoffnung, die Kämpfer zum Aufgeben zu bewegen, setzt die ugandische Regierung im Jahr 2000 auf eine Amnestie. Das heißt, dass die Kindersoldaten, die zurückkommen, keine Strafen zu erwarten haben. Diese Amnestie zeigt nach und nach Wirkung. Viele ehemalige Kindersoldaten können fliehen, so wie Okot. 

Endlich zuhause, aber ein anderer: Okot ist traumatisiert

Aber, dass bei der Rückkehr alles in Ordnung ist, das stimmt nicht. Denn Okot, der leidet zuhause unter Flashbacks, wenn ihn Dinge an seine Zeit bei der LRA erinnern. Zum Beispiel ein Pfeifen. 

Okot: In the bush we had a number of ways of communicating, if you wanted to move, you'd whistle (OKOT PFEIFT) so you'd get your guns and luggage and go, so that kind of trauma got instilled in me that whenever I heard anybody whistling, I would try to gather up my things, my belongings next to me, and begin to carry them and move.

Ein Pfiff, und Okot steht auf, versucht, sein ganzes Zeug zusammenzupacken und abzuhauen. Bei Okot kommen solche Flashbacks unvermutet, mitten im Alltag. Auch nachts hat er keine Ruhe: Er träumt. Er träumt von Tod, er träumt von Folter.

Okot: I would dream that I was killed myself, that somebody killed me and chopped me into pieces, put me in a wheelbarrow and command me to continue wheeling, pushing that wheelbarrow with my flesh inside the wheelbarrow. 

"I started to feel a lot of anxiety, insecurities, fear and sleepless nights. I wanted to be alone, there was no appetite. I had lost interest for many things in life I tried to commiting suicide three times. But thank god, it was unsuccessful."
Okot versucht sich dreimal umzubringen, er leidet unter einer post-traumatischen Belastungsstörung

Jede Nacht wird er im Traum getötet und in Stücke gehackt. Manchmal taucht ein riesiger Elefant auf, der sich zu einem bösen Geist verwandelt und ihn jagt. Okots Träume sind verstörend und werden mit der Zeit immer schlimmer.

Bei der LRA stand er ständig unter Strom, wenn ein Überfall vorbei war, ging es schon um den nächsten. Alle paar Tage musste seine Gruppe ein neues Lager suchen, ständig auf der Flucht vor Regierungssoldaten. Jetzt geht er zur Schule, hat einen normalen Alltag. Manchmal passiert stundenlang nichts. Mit dieser Ruhe kommt er nicht klar. Er hat Ängste, Panikattacken, kann nicht schlafen.

Okot: I started to feel a lot of anxiety, insecurities, fear and sleepless nights. I wanted to be alone, there was no appetite. I had lost interest for many things in life I tried to commiting suicide three times. But thank god, it was unsuccessful.

Was Okot hier so beiläufig erzählt, dass er drei Selbstmordversuche hinter sich hat, das ist ein innerer Kampf in ihm, der sich über mehrere Jahre hinzieht. Nichts interessiert ihn mehr, alles wirkt belanglos und grau.

Vier Jahre später, da ist er zwanzig Jahre alt, spürt er plötzlich ein Stechen in der Brust. Diese Schmerzen gehen nicht weg. Er geht von Krankenhaus zu Krankenhaus, um das abklären zu lassen. Keiner der Ärzte kann eine Ursache finden - körperlich ist Okot völlig gesund. Einer der Ärzte, der vermutet eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTSD: Eine psychische Erkrankung, die als Folge von schweren traumatischen Erfahrungen entsteht.

Okot: I was also a bit hesitant about why they were taking me there. Because I didn’t know anything about PTSD, so at first I did not like it, I thought it was only those who were mad, only those who were acting queer who would go to counselling. But when I went to the doctor of course he did a lot of experiments, and so I felt a bit calm.

Okot macht eine Therapie – und durchlebt noch einmal die schlimmsten Momente seines Lebens

Okot ist also zuerst ein bisschen skeptisch, als er seine Therapie anfängt. Der Psychologe macht mit ihm Experimente, wie Okot sagt: Er reist mit Okot durch seine Vergangenheit. Vom Tag, an dem er entführt wurde, bis zum Tag seiner Rückkehr. In seinem Umfeld weiß eigentlich jeder, dass Okot von der LRA gekidnappt wurde - und auch an Verbrechen beteiligt war. Okot verheimlicht das nicht. Aber Details über seine schlimmsten Taten, die hat er bisher für sich behalten. Jetzt durchlebt er mit einem Psychologen wieder die schlimmsten Momente seines Lebens. Auch den Tag, an dem ein Mädchen vor der LRA fliehen wollte.

Okot: When she was caught, she was brought back and one of the soldiers, he was commanding a smaller team, so he ordered the recruits to line up, so we lined up, after lining up, we started stepping on this girl to death.

Okot musste dieses Mädchen zusammen mit anderen Kindersoldaten zu Tode treten. Seine Stimme wird ganz leise, als er uns davon erzählt. Auch damals, als er das damals seinem Psychologen erzählt, wühlt ihn die Erinnerung daran auf, er schämt sich - aber er merkt auch, dass es ihm gut tut, darüber zu reden.

"When she was caught, she was brought back and one of the soldiers, he was commanding a smaller team, so he ordered the recruits to line up, so we lined up, after lining up, we started stepping on this girl to death."
Okot erzählt von einer der schlimmsten Erinnerungen, die er aus seiner Zeit als Kindersoldat hat

Okot: There was no treatment to this problem of the mental problem that I was going through, the nightmares, there was no treatment except by talking to me and accept it, that really I went through this problem and to embrace myself once again. I also regretted what I did when I was in the bush.

Während der Therapie wird Okot klar, dass er sich seiner Vergangenheit stellen muss, um wieder nach vorne schauen zu können. Er hat Schuldgefühle wegen der Dinge, die er im Busch getan hat. Er versteht aber auch, dass er sich davor nicht verstecken kann. Drei Monate lang geht er zu dem Psychologen, er lernt in dieser Zeit sich selbst wieder zu mögen – auch mit seiner Vergangenheit.

Nach der Therapie will er endlich die Schule fertig machen, die Schulgebühren finanziert er mit einem Job als Klempner. Später wird Okot sogar der erste sein in seiner Familie, der auf die Universität geht und Ingenieur wird.

Die Schuld quält ihn weiter – Okot sehnt sich nach Vergebung

Die Therapie hat Okot auf diesem Weg geholfen. Doch mit seiner Vergangenheit und vor allem mit den Dingen, die er bei der LRA gesehen und auch selbst getan hat, hat Okot noch lange nicht abgeschlossen. Seine gröbsten Wunden sind vielleicht geheilt, er kann wieder durchschlafen und hat keine Flashbacks mehr. 

Aber Okots Gewissen, das quält ihn immer noch. Was passiert mit der Seele eines Verbrechers, eines Mörders? Das fragt er sich. Okot hat Menschen umgebracht, und er hat vielen anderen Kindern das gleiche angetan, was auch ihm angetan wurde - er hat sie entführt und in die LRA gebracht.

Okot: I also abducted and I don’t know whether they are still alive or dead, so I also regret of that. So for me, I also feel very sorry, for abducting other people, for recruting them.

Okots Schuld bedrückt ihn, diese Vergangenheit lastet auf ihm wie ein schweres Gewicht. Er sehnt sich nach Vergebung. Aber woher soll er sie bekommen? Die Toten kann er nicht wieder zum Leben erwecken. Und die Kinder, die er entführt hat, von denen weiß er bis heute nicht, ob sie es jemals lebend aus der LRA raus geschafft haben.

"I also abducted and I don’t know whether they are still alive or dead, so I also regret of that. So for me, I also feel very sorry, for abducting other people, for recruting them."
Okot hat selbst Kinder gekidnapped und rekrutiert

Okot: I was not really religious in whatsoever way, I had a mindset that those people who are religious are kind of lunatics, are people who are very poor, not wise in class.

Okot, der traut der Religion nicht so wirklich. Auch deshalb, weil die LRA für Josephs Konys Version eines christlichen Gottesstaats gekämpft hat. "Du sollst nicht töten", heißt es in der Bibel. Doch Joseph Konys Kindersoldaten wurden zu Mördern gemacht. Die Welt der LRA war voller Gewalt und Magie – einer Welt, in der Geister von Gott gesandt wurden, um Kony und seiner Kindersoldatenarmee zu helfen. Vor jedem Kampf haben die sogenannten "Priester" der LRA diese Geister befragt – und den Kindern einen Segen mit auf dem Weg gegeben, bevor sie im Namen Gottes losgestürmt sind.

Ja, und auch als Okot zurück nach Hause kommt, da spielt Religion wieder eine wichtige Rolle. Seine Mutter und seine Geschwister sind religiös – ganz Uganda ist überwiegend christlich geprägt. Aber Okot, der bleibt meistens zuhause, wenn die anderen in die Kirche gehen. 

Bis zu einem Tag, an dem er Gitarrenklänge aus einer Kirche hört. Spontan setzt er sich in die Messe. Von da an kommt er regelmäßig, um sich die Musik anzuhören. Für die Predigt schleicht er sich immer raus, das interessiert ihn nicht. Doch einmal schafft er es nicht rechtzeitig aus der Kirche. Da liest der Pfarrer gerade aus der Bibel, aus dem Buch Jesaja. Er denkt an all die Toten, all die Morde, die er im Bürgerkrieg in Uganda selbst begangen und miterlebt hat.

Okot: Because there were many people who died, the government soldiers that I killed, and many civilians they died, many of us the LRA soldiers they died, even my good good friends, they died and I saw them die, some of them I tried carrying on my back and they died, so for me when the preacher was explaining, I thought: Oh, it was really God who was protecting me. That not a single bullet got me in the bush. 

Okot sieht jetzt, so erklärt er es uns, dass Gott, trotz seiner Sünden, immer für ihn da war. Dass er in der Zeit des Bürgerkriegs von ihm beschützt wurde. Und: Dass er die Vergebung nicht verdienen muss, um sie zu bekommen.

Seine Familie hat ihn trotz seiner Vergangenheit wieder aufgenommen und ihm vergeben. Und auch Gott hat ihn zu sich in die Kirche gelassen. In seiner ersten Beichte erzählt er dem Priester alles: von den vielen Morden, von den Raubzügen, von der Gewalt.

"I felt a bit good, I felt like I was forgiven of all the sins that I committed."
Okot über seine Beichte beim Priester des Dorfes

Okot: The priest was so moved and he asked me, don’t worry, the lord God will cleanse you because he has promised that even when your sin is red like scarlet, red like blood, I the lord will still cleanse your sin and make you holy, at that I felt a bit good, I felt like I was forgiven of all the sins that I committed.

Aber anders als in der Therapie, wo er lernen muss sich selbst zu vergeben, verspricht ihm der Priester, dass Gott ihm vergeben wird. Okot fällt deshalb eine riesige Last von den Schultern.

Okots Hände beim Gebet
© Deutschlandfunk Nova | Minh Thu Tran
Okots Hände

Okot hat sich selbst vergeben und hilft heute anderen

Heute ist Okot glücklich verheiratet, er hat zwei Kinder und arbeitet als Ingenieur. In seiner Freizeit ist er eigentlich die ganze Zeit in der Kirche: Seine Frau und er singen gemeinsam im Kirchenchor, er moderiert im Kirchenradio, er ist aktiv als Jugendgruppenleiter. In seiner Kirchengemeinde trifft Okot immer wieder auf Rückkehrer, die das gleiche erlebt haben wie er.

Okot: By that time, we had a number of returnees killing their own parents, killing people, going to loot people’s properties, they were not going to school, so they were doing a lot of atrocities because of the PTSD.

Viele ehemalige Kindersoldaten sind traumatisiert, sie rutschen deshalb in alte Muster, in die Gewalt. Statt zur Schule zu gehen, rauben und morden sie weiter. Denn über die Vergangenheit als Kindersoldat öffentlich zu reden - das ist in Norduganda für viele immer noch Tabuthema. Okot will den ehemaligen Kindersoldaten helfen - so, wie auch ihm geholfen wurde.

"I know I may not do much, but those who I meet I will try to save their lives and they will live happy again."
Okot hilft heute anderen

Okot: So I decided to be a little drop in the ocean. I know I may not do much, but those who I meet I will try to save their lives and they will live happy again.

Okot macht deswegen eine Fortbildung zum Laienpsychologen, später studiert er Psychologie. Den Abschluss hat er seit kurzem auch in der Tasche – und setzt ihn sofort ein. Mit mehreren Freunden, einige von ihnen ebenfalls ehemalige Kindersoldaten, gründet er eine Hilfsorganisation, bietet "Counselling" an - also psychologische Beratungen.

Mit seinem Beispiel will er anderen Hoffnung machen. Mit seinen Erzählungen will er den Menschen in Norduganda, also den Tätern und den Opfern des Bürgerkriegs helfen, ihre Erinnerungen als Teil von sich selbst zu akzeptieren - so, wie er das gemacht hat, mit seinem Psychologen: Über die Vergangenheit und die eigenen Taten reden, sie akzeptieren, auch die Schuldgefühle akzeptieren. Der Kindersoldat von damals ist erwachsen geworden. Ein großer Mann. Aber nicht als Kriegsverbrecher der LRA. Sondern als Familienvater, als gläubiger Christ.

Okot: Actually, I am healed of my memories. I don’t forget them, they are very painful, but to this day I don’t feel pain anymore. I wanted to commit suicide. But today, I am somebody. There was a day I was even starved but at the moment I have a lot of things to eat, I can eat anything I want.