Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Das ist das Ergebnis einer Befragung der Nachrichtenagentur dpa. Christiane Florin aus der Deutschlandfunk-Religionsredaktion vermutet, dass die Gotteshäuser längst resigniert haben.

Seit Jahresbeginn haben so viele Menschen wie nie zuvor die evangelische und katholische Kirche verlassen. Bereits 2021 hat die katholische Kirche in Deutschland einen Negativrekord verzeichnet. Die Deutsche Presseagentur (dpa) hat in Großstädten wie München oder Berlin nachgefragt. Der Trend hat sich 2022 verstärkt. Allein in München sind bis zum 15. Dezember 2022 insgesamt 26.008 Menschen aus der Kirche ausgetreten, zitiert die dpa den Sprecher des Kreisverwaltungsrates.

Christiane Florin aus der DLF-Redaktion Religion und Gesellschaft vermutet, dass die Kirchen in Deutschlands angesichts der hohen Zahlen längst resigniert haben.

"Es waren 280.000 Menschen, die aus der evangelischen Kirche ausgetreten sind – fast 360.000 traten aus der katholischen Kirche aus."
Christiane Florin aus der DLF-Redaktion Religion und Gesellschaft

Die Austrittszahlen werden immer erst im Sommer des darauffolgenden Jahres bekannt gegeben. Für 2022 wissen wir also erst Mitte 2023 Genaueres. Es sei davon auszugehen, dass weiterhin Menschen in Deutschland der katholischen und evangelischen Kirche den Rücken kehren.

Schmerz durch Kirchensteuereinnahmen gemindert

"Die Verantwortlichen sagen dann immer, dass es immer sehr schmerzliche Zahlen sind und es ihnen immer wehtut. Der Schmerz wird allerdings dadurch gelindert, dass die Kirchensteuereinnahmen nach wie vor sehr hoch sind", sagt Christiane Florin. Denn sind die Einkommen hoch, steigen auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Noch haben die Austrittszahlen noch nicht zu weniger Einnahmen der Kirchen geführt.

Diesen Austrittstrend umzukehren, sei nicht einfach, weil es nicht einen Grund für den Austritt gibt, sondern viele, erklärt Christiane Florin. Zum einen seien für viele Glaube und Kirche bedeutungslos geworden. Eine Rolle spielen auch die Missbrauchsskandale und der mangelnde Wille bei Kirchenvertretern diese aufzuarbeiten. "Die Kirchen sind nicht bereit, ehrlich aufzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. In der katholischen Kirche sind alle Bischöfe immer erschüttert von den Gutachten, aber sie kleben alle an ihrem Sessel. Und die evangelische Kirche segelt beim Thema Missbrauch im Schatten der katholischen Kirche", sagt die DLF-Redakteurin.

Bei der katholischen Kirche komme noch der Widerstand gegen Reformen und die Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen hinzu, die die Menschen nicht mehr bereit sind, mitzutragen. Im Interview der Woche im Deutschlandfunk hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode gesagt, dass er damit rechne, dass auch in seinem Bistum in diesem Jahr mehr Leute ausgetreten sind als im vergangenen Jahr. Christiane Florin glaubt aber, dass der Bischof auf die massenhaften Austritte nicht vorbereitet ist.

"Auf das massenhafte Austrittsphänomen ist der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nicht vorbereitet."
Christiane Florin aus der DLF-Redaktion Kirche und Religion

In Bezug auf gesellschaftspolitische Diskussionen wie zu Schwangerschaftsabbruch, assistierter Suizid oder aktive Sterbehilfe sei der Einfluss der Kirche geringer geworden, meint Christiane Florin. "Auch die Ehe für alle wurde beschlossen – obwohl die katholische Kirche eindeutig dagegen war." Daran könne man den schwindenden Einfluss der Kirchen an politischen Debatten erkennen.

Rechte und Privilegien der Kirche: Religionsunterricht und Kirchensteuer

Trotz des abnehmenden Einflusses seien aber die Abschaffung des Religionsunterrichts an Schulen oder der Kirchensteuer noch keine Themen. Denn diese Rechte und Privilegien der Kirche sind in Gesetzen und der Verfassung festgelegt. "Ich sehe nicht, dass die aktuelle Bundesregierung an die Kirchensteuer oder den Religionsunterricht an Schulen herangehen will", sagt Christiane Florin.

Allerdings zeichne sich ab, dass die Staatsleistungen abgelöst werden. Das sind Entschädigungszahlungen, die die Kirche schon seit mehr als 200 Jahren vom Staat erhält. Es seien gesetzliche Regelung in Arbeit, um diese Staatsleistungen auslaufen zu lassen, erklärt die Religionsexpertin.

Die Kirchen haben in den vergangenen Jahren einiges versucht, um dem Trend entgegenzuwirken. Zum Beispiel wird in Messen eine etwas modernere Sprache verwendet. Auch wird in Kirchen vermehrt Popmusik eingesetzt. Der bisherige Erfolg dieser Maßnahmen ist bislang aber sehr überschaubar. "Allerdings kann man nicht sagen, wie es sich ohne die Maßnahmen entwickelt hätte. Von daher ist es schwer zu sagen, dass das alles nichts genützt hat", meint Christiane Florin.

Weitere Hoffnungen schöpfen die Kirchen aus der Verkündigung über digitale Medien: "Das Stichwort hier heißt Sinnfluencer. Da gibt es auch einige ganz erfolgreiche", ergänzt die DLF-Redakteurin.

Dass die Kirchen noch immer etwa 40 Millionen Mitglieder haben, liege an den sozialen Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäuser und andere karitative Einrichtungen, die die Menschen gut finden. Viele seien auch überzeugt davon, dass die Gesellschaft ohne Kirchen ärmer und kälter wäre.

  • Moderation:  Christian Schmitt
  • Gesprächspartnerin:  Christiane Florin aus der Deutschlandfunk-Redaktion Kirche und Religion