Die Situation in vielen Krankenhäusern spitzt sich zu, auch in der Kreisklinik Groß-Gerau, einem eher kleinen Haus mit 220 Betten. Klinikchefin Erika Raab steht dort gleich vor mehreren Problemen: Sie muss die wachsende Zahl der Covid-Patienten versorgen - ohne zusätzliches Personal. Und sie muss dafür sorgen, dass ihr Haus dabei nicht in eine wirtschaftliche Schieflage gerät.

Immer mehr Covid-Patientinnen und -Patienten kommen seit einigen Wochen in die Kreisklinik Groß-Gerau bei Frankfurt. "Wir sehen eine Zunahme der Neuinfektionen", sagt Klinikchefin Erika Raab. Und diese Zunahme erfüllt sie mit Sorge.

"Unsere Normalstationen laufen derzeit so zu."
Erika Raab, Geschäftsführerin Kreisklinik Groß-Gerau

Auf der sogenannten "Normalstation" haben sie angefangen mit 9 Betten, inzwischen sind sie dort bei 48. Und um die Erkrankten zu versorgen, muss Erika Raab kreativ werden. Sie muss umschichten, denn zusätzliche Leute hat sie nicht.

Hebammen helfen nun auf den Stationen, Ambulante Operationen hat die Klinik abgesagt. Die Chirurgen können so, wenn kein Notfall kommt, bei den Internisten aushelfen.

"Meine Ärzte haben ein ganz klares Votum gezeigt und gesagt: Wir fahren jetzt die Eingriffe, die man planen kann, zurück."
Erika Raab, Geschäftsführerin Kreisklinik Groß-Gerau

Das alles tut Erika Raab, obwohl sie weiß, dass es aus wirtschaftlicher Sicht keine gute Lösung ist: "Corona ist eigentlich nicht wirtschaftlich für Krankenhäuser", sagt sie. Das Geld bringen eingentlich die Routine-Behandlungen, von denen nun viele abgesagt werden.

Pandemie bringt Krankenhäuser auch wirtschaftlich an Grenzen

"Jetzt geht es ans Gewissen", meint die Geschäftsführerin. Der Rettungsschirm der Bundesregierung für die Krankenhäuser ist Ende September ausgelaufen. "Es gibt eben noch keine wirtschaftliche Kalkulation für diese Pandemie", so Erika Raab. "Wenn ich Betten freilasse, bekomme ich kein Geld."

"Wir haben nicht überlegt: Wie müssen wir uns organisatorisch aufstellen, wenn die zweite Welle kommt?"
Erika Raab, Geschäftsführerin Kreisklinik Groß-Gerau

In den vergangenen Monaten hätte man zu wenig darüber nachgedacht, wie man sich organisatorisch aufstellen könnte, wenn die zweite Welle kommt. Man hätte Ressourcen bündeln können, einzelne Kliniken zu "Corona-Kliniken" machen können. Jetzt aber bliebe es nur, auf die sich verschärfende Lage zu reagieren. Das sei "kopflos", kritisiert Erika Raab.

Die Betten sind da, das Personal fehlt

Zwar sind an vielen Kliniken derzeit noch Intensivbetten vorhanden, doch oft fehlt es am Personal. Auch bei Erika Raab ist Intensivpersonal knapp. Jeden morgen sitze sie im Krisenstab mit ihrem Team zusammen und überlegt: Wer ist noch verfügbar, mit wem kann man noch arbeiten, wer ist in Quarantäne, wer ist infiziert.

"Die Anästhesiepflege, die im OP unterstützt, hat Fachkenntnisse, die man auf der Intensivstation brauchen kann."
Erika Raab, Geschäftsführerin Kreisklinik Groß-Gerau

Zusätzliches Pflegepersonal bekäme sie theoretisch zwar bezahlt, aber "der Arbeitsmarkt ist leergefegt", sagt die Klinikchefin. Und Pflegekräfte könne man sich eben nicht backen. Der Job sei kräftezehrend und anspruchsvoll. Eine zweijährige Weiterbildung ist Voraussetzung, um auf der Intensivstation zu arbeiten. "Das kann man nicht einfach so nebenbei", sagt Erika Raab. "Und: Das ist auch nicht jedermanns Sache."