Du brauchst medizinische Hilfe und wartest. Notfallmediziner Ercan Sagnak kennt die Situation der Patienten in der Notaufnahme genau. Mit ihm analysieren wir, warum das System überlastet ist und ob die neue Notfallreform daran wirklich etwas ändert.
Lange Wartezeiten und ein hoher Anteil an Fällen ohne akute Dringlichkeit prägen vielerorts den Alltag in überfüllten Notaufnahmen. Genau hier soll die geplante Notfallreform ansetzen, um Abläufe zu entlasten und Patienten besser zu steuern.
Ercan Sagnak, Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie im Diakonie-Klinikum Agaplesion Hamburg, arbeitet in der zentralen Notaufnahme. Ob Patienten stundenlang warten oder das Team unter der Belastung leidet, hängt stark von der Situation ab, sagt er. Bei echten Notfällen sei die Versorgung klar strukturiert und professionell. Problematisch werde es, wenn Bagatellen die Notaufnahme füllen.
Wenn es in der Notaufnahme knirscht
In der Notaufnahme würden viele Patienten eine sofortige Behandlung erwarten, ohne die Prioritäten im Krankenhaus zu kennen. Gleichzeitig sorge die hohe Zahl an Fällen dafür, ständig neu zu entscheiden, wer dringend versorgt werden muss und wer kurz warten kann, so der Arzt. Das erzeuge auf beiden Seiten mitunter Gereiztheit.
"Wenn dann Patienten in die Notaufnahme kommen, die Bagatellen haben und kein Verständnis mitbringen, da sind Konfliktsituationen vorprogrammiert."
Überlastungen würden vor allem durch Engpässe in der Behandlungskette entstehen – sowohl durch Patientenaufkommen als auch durch personelle Ausfälle im Krankenhaus, sagt Ercan.
Neben schweren Fällen führen gerade Bagatellverletzungen ohne Akutbedarf zu Konflikten, besonders wenn kein Verständnis seitens der Patientinnen für Wartezeiten vorhanden ist. Dann brauche es viel Erfahrung und deeskalierendes Personal im Team.
Notaufnahme am Limit – Konflikte vorprogrammiert
Umfragen zeigen: Mehr als jeder dritte Patient in der Notaufnahme ist kein akuter Notfall. Das spürt auch der Arzt im Alltag. Viele Fälle könnten eigentlich ambulant behandelt werden. Doch für Laien ist die Einschätzung oft schwierig, wann wirklich sofortige Hilfe nötig ist und wann ein Hausarzt ausreichen würde. Das sei ein Kernproblem in der ganzen Debatte.
"Du gehst joggen, knickst um, da guckt der Knochen raus oder dein Sprunggelenk steht nicht mehr achsgerecht. Das ist ein Notfall.“
Echte Notfälle sind etwa sichtbare Knochenverletzungen nach Unfällen oder deutlich fehlgestellte Gelenke. Auch plötzliche und starke Brust- oder Schulterschmerzen, die auf einen Herzinfarkt deuten, verlangen sofortiges Handeln, so der Arzt.
Zwischen Unterfinanzierung und Überlastung
Wie das System an seine Grenzen kommt, macht der Arzt vor allem an zwei Punkten fest. Einer davon ist die grundsätzliche Struktur der Finanzierung und Organisation. Die Notfallversorgung sei in vielen Kliniken dauerhaft unterfinanziert und müsse oft querfinanziert werden. Sie brauche viel Personal, Technik und ständige Bereitschaft, werde aber im System häufig mehr mitgedacht, statt eigenständig ausreichend abgebildet.
Der zweite Punkt sind Stoßzeiten und Personalausfälle, so Ercan: Stockt dann die gesamte Behandlungskette, geraten Abläufe schnell ins Wanken. Die Notaufnahmen würden überlaufen, im Extremfall müsse die Akutversorgung kurzfristig eingeschränkt werden, um die bereits wartenden Patienten überhaupt noch sicher versorgen zu können.
Schluss mit unnötigen Klinikfahrten
Damit Notaufnahmen entlastet werden, soll die neue Notfallreform genau diese Überlastung vermeiden. Gesundheitsministerin Nina Warken hat sie vorgestellt. Ziel ist, Patienten früh besser zu steuern und sie je nach Dringlichkeit gezielt in passende Versorgungswege zu leiten, statt sie in jedem Fall ins Krankenhaus zu schicken, weil viele Fälle ambulant behandelbar sind.
Wie die geplante Notfallreform konkret funktionieren soll, erklärt Felicitas Boeselager, die aus unserem Hauptstadtstudio auch über Gesundheitspolitik berichtet. Im Fokus der Reform steht, wie Patienten im Ernstfall besser gesteuert werden und unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden können.
"Du landest unnötig im Krankenhaus und das ist für alle Beteiligten mühsam, für die Ärzte, aber auch für dich. Und das soll sich jetzt ändern."
Das Beispiel einer Schnittverletzung der Hand macht den Unterschied klar: Bisher bringt der Rettungsdienst Patienten oft ins Krankenhaus, selbst wenn eine Versorgung vor Ort ausreichen würde, weil er hauptsächlich für den Transport bezahlt wird.
Künftig soll eine Behandlung auch zu Hause möglich sein, sodass kleinere Notfälle direkt versorgt und nicht mehr automatisch in die Klinik gebracht werden.
Bessere Steuerung am Telefon
Wenn künftig die 112 gewählt wird, soll am Telefon schon viel stärker vorsortiert werden. Die Leitstelle schätzt dann mit standardisierten Fragen ein, wie dringend der Fall wirklich ist. Je nach Ergebnis wird entschieden: Rettungswagen mit Notfallversorgung, ein eigener Weg in die Klinik oder bei leichten Fällen der Hausarzt am nächsten Tag.
Dieses System soll auch mit der 116117 zusammengeführt werden. Das ist der ärztliche Bereitschafts- und Vermittlungsdienst, der hilft, Termine bei Fachärzten zu kriegen. Beide Nummern würden dann nach ähnlichem Schema arbeiten und Patienten gezielt steuern, damit sie je nach Schweregrad nicht automatisch in der Notaufnahme landen, sondern schneller und passender versorgt werden.
Slot-System für die Notaufnahme
Im Notruf soll sich mehr Zeit für die Einschätzung genommen werden, wie dringend ein Fall wirklich ist. Durch die digitale Vernetzung der 112 und 116117 könnten Informationen direkt weitergegeben werden – etwa an Notärzte oder Hausärzte, die dann gezielt eingreifen.
"Personen, die eine Nummer angerufen haben, werden in der Notaufnahme bevorzugt behandelt. Die bekommen eine Art Laufnummer oder Slot."
Für die Notaufnahmen bedeutet das: Wer vorher über eine der Nummern angemeldet wurde, soll bevorzugt und planbarer behandelt werden – zum Beispiel mit einer Art Slot. Spontane Selbstvorsteller ohne vorherige Einschätzung müssten dann eher mit längeren Wartezeiten rechnen. Nach einer Gewöhnungsphase soll das langfristig das Verhalten und die Nutzung der Notaufnahme verändern.
Skepsis gegenüber neuer Notfallstruktur
Integrierten Notfallzentren sollen die Versorgung im Krankenhaus besser bündeln, ähnlich wie heutige Notfallambulanzen, die mit teils niedergelassenen Ärzten arbeiten. Doch auch dann bleiben viele Notaufnahmen weiterhin überlastet. Deshalb bleibt die Frage, ob die Reform vor Ort tatsächlich spürbar entlastet oder nur bestehende Probleme neu organisiert.
Die Umsetzung hängt stark von den Kommunen und Bundesländern ab. Kritisch äußern sich vor allem niedergelassene Ärzte, die eine zusätzliche Belastung durch die 116117 sehen und Doppelstrukturen befürchten.
"Im Sekundentakt flattern die Pressemitteilungen der Ärzteschaft ein, die sagen, wir packen die Notfallreform nicht."
Hinzu kommen finanzielle Sorgen durch geplante Einsparungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Viele Ärztinnen und Ärzte zweifeln deshalb an der Umsetzbarkeit der Reform und warnen, dass die zusätzlichen Aufgaben unter den aktuellen Bedingungen kaum zu stemmen seien. Ständig gibt es kritische Pressemitteilungen der Ärzteschaft zu dem Thema, sagt Felicitas.
Sparpotenzial als Nebeneffekt
Das geplante Gesetz kann sich im Bundestag noch verändern, soll aber ab Juli 2027 in Kraft treten. Die Reform verursacht zunächst Kosten in Höhe von einigen hundert Millionen Euro, soll aber langfristig jährlich rund eine Milliarde Euro bei den Krankenkassen einsparen.
"Die Reform war längst überfällig. Wenn da gespart werden kann, ist es ein sehr guter Nebeneffekt."
Felicitas ordnet die Pläne nicht als reine Sparmaßnahme ein. Ihrer Einschätzung nach ist die Reform überfällig und bereits der dritte Anlauf in dieser Richtung. Wenn dabei Einsparungen entstehen, wären sie eher ein zusätzlicher positiver Effekt als das Hauptziel.
Auch Ercan sieht den Grundgedanken positiv: Wenn Patientinnen und Patienten besser gesteuert werden, könnten sich Notaufnahmen stärker auf schwere Fälle konzentrieren und entlastet werden. Entscheidend bleibt aber, ob die Filterung in der Praxis zuverlässig funktioniere.
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