Kleinen Gemeinden gehen die Bürgermeister-Kandidaten aus. Die Arbeit wird komplizierter, Hassmails und persönliche Attacken kommen hinzu. Zwei Bürgermeisterinnen berichten von ihrem Job.

Schulsanierung und die praktischen Probleme des öffentlichen Nahverkehrs bestimmen die Politik in den Rathäusern kleinerer Gemeinden. Bei Kommunalwahlen gehen gerade ihnen die Kandidatinnen und Kandidaten für das Bürgermeisteramt aus. Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund sieht darin ein ganz grundlegendes Problem für die Demokratie.

"Weil es an der Wurzel unseres demokratischen Systems rührt, wenn wir irgendwann niemanden mehr finden, der bereit ist, seine Zeit für die Allgemeinheit einzusetzen. Dann wird es ganz schwer mit der kommunalen Selbstverwaltung vor Ort."
Alexander Handschuh, Deutscher Städte- und Gemeindebund, Sprecher

Betroffen sind kleine Orte, wo der Job des Bürgermeisters oft ein Ehrenamt ist. So wie in Leupoldsgrün, einem Dorf in Oberfranken. Leupoldsgrün hat 1250 Einwohnerinnen und Einwohner, doch auch dort ist das Bürgermeisteramt inzwischen ein Vollzeitjob, den Annika Popp angenommen hat. Unser Foto zeigt sie bei der Arbeit. Sie ist die jüngste Bürgermeisterin im Bundesland Bayern.

"Ich bin erste Bürgermeisterin seit 2014 und mache das ehrenamtlich. Und das macht mir sehr viel Freude - als jüngste Bürgermeisterin Bayerns."
Annika Popp, Bürgermeisterin von Leupoldsgrün

Bürgermeisterin aus Leidenschaft

Rund 40 Stunden arbeitet die 32-Jährige als Bürgermeisterin. Dafür erhält sie eine Aufwandsentschädigung. Nebenher arbeitet sie noch ein paar Stunden von zu Hause für einen Landtagsabgeordneten. Bürgermeisterin ist sie, sobald sie das Haus verlässt, wenn sie zum Beispiel beim Bäcker einkauft.

"Von einem Bürgermeister, wenn man nicht die Grenzen vorher klar zieht, wird erwartet, dass man immer ansprechbar ist. Und dann kann das sehr gut sein, dass man daran zugrunde geht."
Annika Popp, Bürgermeisterin von Leupoldsgrün

Stress, Burnout oder eine Familie, die darunter leidet – Annika Popp kennt die negativen Beispiele. Und sie weiß, dass die Erwartungen an Bürgermeisterinnen hoch sind.

Trotzdem hat sie sich entschieden, zu kandidieren – in Bayern, wo es nur wenige Bürgermeisterinnen gibt. Dass sie irgendwann Bürgermeisterin sein wird, war eine logische Konsequenz für sie: Aufgewachsen in Leupoldsgrün hat sie sich in der Kirche, Vereinen und bei der Jungen Union engagiert.

Bürgermeisteramt als Job

Julia Samtlebens Weg zum Amt verlief völlig anders. Sie ist 39 Jahre alt, SPD-Mitglied und seit eineinhalb Jahren Bürgermeisterin von Stockelsdorf. Der Vorort von Lübeck hat 17.000 Einwohner. Bis zum Wahlkampf hatte Julia Samtleben keinen wirklichen Bezug zu dem Ort. Erst als Wahlsiegerin ist sie mit ihrer Familie dorthin gezogen. Sie rät dazu, einfach zu kandidieren. Auch in Schleswig-Holstein mangelt es an Kandidatinnen und Kandidaten für das Bürgermeisteramt.

"Es ist häufig so, dass es nur ein, zwei, drei Kandidaten gibt, also keine wirkliche Wahl."
Julia Samtleben, Bürgermeisterin von Stockelsdorf

Dieser Zustand könnte sich noch verschlechtern. Eine Umfrage des Deutschen Städte- und Gemeindebund hat ergeben, dass jeder fünfte Bürgermeister beleidigt oder bedroht worden ist. Zwei Prozent wurden Opfer von tätlichen Angriffen. Auch Julia Samtleben kennt Beispiele von Kollegen.

"Das sind wirklich unangenehme Dinge wie verbale Auseinandersetzungen. Aber Dinge, die man niemanden zurechnen konnte: Hundescheiße an der Türklinke. So etwas belastet einfach sehr."
Julia Samtleben, Bürgermeisterin von Stockelsdorf

Julia Samtleben weiß auch von Kollegen, die deswegen nicht mehr antreten. Trotzdem bleibt für sie das Amt der schönste Beruf – gerade wegen des direkten Kontakts zu den Menschen. Das gebe ihr viel zurück, so Julia Samtleben.

Herausforderung: Verwaltungssprache

Für das Amt hat sie ihren Job in einem Wirtschaftsunternehmen aufgegeben. Die Verwaltungssprache stelle sie allerdings vor besondere Herausforderungen.

"Manchmal lese ich Dinge – ich weiß, was ich verstehen soll – aber ich verstehe es nicht. Obwohl ich Jura studiert habe und weiß, worum es geht. Und trotzdem steht da nicht das, was man verstehen müsste."
Julia Samtleben, Bürgermeisterin von Stockelsdorf

Datenschutzgrundverordnung oder Anträge für Fördermittel - Annika Popp weiß, dass es kompliziert sein kann, die Rathausverwaltung zu leiten. Das könne dazu führen, dass sich viele das Amt nicht zutrauen. Trotzdem sieht auch sie das Gute an dem Job. Sie habe viele Möglichkeiten, vor Ort etwas anzupacken – und damit andere Menschen glücklich zu machen.