Weil die Kaffeeproduzenten besser von ihrer Ernte leben sollen, zahlen wir für den Fairtrade-Kaffee mehr als für den konventionellen. Zwei Bundesminister wollen den Absatz von Fairtrade-Kaffee steigern, indem sie ihn von der Kaffeesteuer befreien. Ob das letztlich den Kaffeeproduzenten hilft? So einfach ist der Zusammenhang nicht, sagt die Ökonomin Theresa Eyerund.

Heute liegt die Kaffeesteuer bei 2,19 Euro pro Kilo Kaffee. Rund eine Milliarde Euro bringt das dem Staat jährlich. Für Menschen, die den Kaffee anbauen bleiben durchschnittlich 50 bis 60 Cent pro Kilo übrig.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) haben vorgeschlagen, fair produzierten Kaffee von der Kaffeesteuer zu befreien. Sie wollen damit erreichen, dass mehr Fairtrade-Kaffee verkauft wird.

Theresa Eyerund betreut beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) den Bereich Verhaltensökonomie und Wirtschaftsethik. Sie begrüßt den Vorschlag, wünscht sich aber zuvor eine breite gesellschaftliche Debatte.

Einstellungs-Verhaltens-Lücke

Konsumenten hätten vielleicht eine positive Einstellung gegenüber einem Produkt oder einer Produktionsweise, würden das aber nicht in konkretes Handeln umsetzen. In der Verhaltensökonomie heißt das: die Einstellungs-Verhaltens-Lücke. Bezogen auf den Fairtrade-Kaffee heißt das: Wir finden gut, dass der Kaffee teurer ist und die Kaffeeproduzenten dadurch mehr verdienen, aber wir wollen nicht so viel für Kaffee bezahlen.

Aber nicht nur der Preis steuert unser Verhalten, sagt Theresa Eyerund, sondern auch Konsumgewohnheiten. Produkte, die wir nicht kennen, kaufen wir nicht. Und überhaupt: Können wir dem Fairtrade-Siegel vertrauen? Hilft der teurere Kaffee wirklich, die Lebensbedingungen der Produzenten zu verbessern? Die Verunsicherungen entstehen dadurch, dass es neben den zertifizierten Fairtrade-Siegeln auch andere gibt, die den Unternehmen mehr als Feigenblatt dienen. Fairtrade ist kein geschützter Begriff.

Fairtrade-Produkte machten 2018 nur ein Prozent des Umsatzes in Deutschland aus, beim Kaffee allein sind es 32 Prozent. Die Bereitschaft, zu Fairtrade-Produkten zu greifen, ist demnach grundsätzlich nicht sehr hoch. Wenn man mit Steuervergünstigungen den Fairtrade-Kaffee unterstützen möchten, muss man sich genau ansehen, wie die Abläufe in der Kaffeebranche sind und wer letztlich von so einer Steuervergünstigung profitiert, sagt Theresa Eyerund.

"Um so eine Steuervergünstigung zu rechtfertigen, muss man sich schon sehr sicher sein, wie die Abläufe sind, wer davon profitiert und was der zusätzliche Nutzen ist."
Theresa Eyerund, Ökonomin beim IW

Jedes Produkt hat eine eigene Moral

Damit der Umsatz mit Fairtrade-Waren steigt, könnten ja auch direkt die Steuern auf fair produzierte Baumwolle und Schokolade gesenkt werden. Aber gerade bei Schokolade wird noch eine ganz andere Steuer diskutiert, erinnert Theresa Eyerund: die Zuckersteuer. Schokolade sei deshalb eine gutes Beispiel dafür, dass bei jedem Produkt ethische Fragen einzeln diskutiert werden müssten.

"Das ist natürlich genau das Wesentliche, dass wir für jedes Produkt überlegen müssen: Ist das was, was wir gesellschaftlich vorteilhaft finden? Priorisieren wir gesunde Ernährung höher als gute Arbeitsbedingungen?"
Theresa Eyerund, Ökonomin beim IW

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rebecca Endler findet, dass wir als Gesellschaft darüber nachdenken sollten, welche Produkte wir subventionieren oder besteuern wollen - also unterstützen oder reglementieren. Wollen wir mehr bio, mehr fair gehandelte Produkte? Ein Beispiel für eine gesellschaftlich gewollte Steuersenkung: Ab dem 1. Januar 2020 werden Tampons und Binden in Deutschland nur noch mit sieben Prozent Umsatzsteuer belegt. Eine Entscheidung, zu der im Vorfeld Petitionen und viel politisches Engagement von Einzelnen und Gruppen nötig war.