Selbst höflich geäußerte Kritik bei der Arbeit kann manche schon traurig, wütend oder sauer machen. Sie gehen dann in Opposition, wollen sich rächen oder hassen sich selbst dafür, dass sie nicht "besser" sind. Wie gehen wir achtsam mit Kritik um? Und wie mit Ablehnung, die dabei mitschwingt?

Es gibt Feedbackregeln, wie wir Kolleg*innen bei der Arbeit so kritisieren, dass sie sich nicht gekränkt fühlen müssen. Trotzdem fühlen sich manche durch Kritik verletzt. Also zum Beispiel die Rückmeldung: Diese Woche hast du für deinen Bericht aber länger gebraucht. Das ist erst einmal eine sachliche Feststellung ohne Bewertung.

Innere Wunde berührt

Trotzdem reagieren manche Menschen darauf depressiv, wütend oder mit Rachegedanken. Dann ist die Frage: Wurde durch die Äußerung eine innere Wunde berührt?, sagt Psychologin Main Huong Nguyen. Wenn ja, würde das sehr viel über die Person selbst aussagen, nämlich dass sie ein Thema hat, an dem sie arbeiten müsste.

"Wahrscheinlich wurde mit der Kritik eine innere Wunde berührt. Da stecken irgendwelche Grundannahmen und Glaubenssätze dahinter, die dadurch aktiviert wurden. Das sagt ja sehr viel über uns selbst aus: Ich habe etwas, woran ich arbeiten muss."
Main Huong Nguyen, Psychologin

Wie können wir gut mit Kritik umgehen?

  1. Zuhören und atmen, anstatt gleich zu reagieren.
  2. Einordnen: Will ich diese Kritik von dieser Person annehmen? Denn wenn uns jemand kritisiert - vielleicht sogar bei Social Media - dann ist das vielleicht jemand, den wir sowieso nie um Rat fragen würden. Dann können wir die Kritik auch getrost ignorieren.
  3. Wenn wir sie annehmen, können wir gucken: Was ist an der Kritik dran? Was kann ich lernen? Wie kann ich daran wachsen? Ist da etwas, das mir helfen kann?
  4. Oder: Warum reagiere ich so, wie ich reagiere? Welche Botschaft steckt dahinter? Verurteile ich mich vielleicht genau deswegen sowieso schon selbst?

Fehlerkultur in Deutschland

Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Diane Hielscher glaubt aber auch, dass die Art und Weise, wie wir mit Kritik umgehen, etwas mit der Fehlerkultur in Deutschland zu tun hat. In den USA beispielsweise sei es eine andere.

"In den USA sagt man vielleicht eher mal: Was können wir aus unseren Fehlern lernen? In Deutschland wird Kritik oft als etwas Schlimmes wahrgenommen und sorgt dann für Scham, Wut und Trauer."
Diane Hielscher, Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin

Damit Kritik uns nicht aus der Bahn wirft, ist es auch wichtig, sich selbst einzuschätzen: Was kann ich gut und was muss ich noch lernen? Damit kommen wir wieder zu den Themen Selbstmitgefühl, Selbstwert und - vor allem - wie wir achtsam mit uns selbst umgehen.

Ihr habt Anregungen, Ideen, Themenwünsche? Dann schreibt uns gern unter achtsam@deutschlandfunknova.de

Empfehlungen aus dem Beitrag:
  • Kamins, M. L., & Dweck, C. S. (1999). Person versus process praise and criticism: implications for contingent self-worth and coping. Developmental psychology, 35(3), 835.
In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Übung: Leichte Meditation, um den Umgang mit Kritik zu üben
  • Achtsam
  • Moderatorinnen:  Main Huong Nguyen, Psychologin, und Diane Hielscher, Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin