Um die Krankenhäuser derzeit zu entlasten, hat Gesundheitsminister Jens Spahn gebeten, alle "planbaren OPs" zu verschieben. Darunter fallen auch Krebsbehandlungen. Krebsmediziner befinden sich deshalb jetzt in einem persönlichen Dilemma.

Verschoben oder gänzlich abgesagt - viele Behandlungen oder Operationen von Krebspatienten sind von der derzeitigen Corona-Krise betroffen. Martin Schuler, Krebsmediziner am Tumorzentrum der Uniklinik Essen erzählt, dass es an seiner Klinik kaum vermeidbar sei, vor allem neue Krebspatienten erst mal warten lassen zu müssen.

"Das lässt sich derzeit nicht vermeiden, dass auch Patienten mit Krebsoperationen nicht so schnell operiert werden, wie das sonst der Fall ist."
Martin Schuler, Krebsmediziner am Tumorzentrum der Uniklinik Essen

Die Krebsmediziner sehen die Verschiebung "planbarer OPs" jedoch sehr kritisch. Vor allem in der Krebsmedizin dürften auch jetzt keine Behandlungen nach hinten geschoben werden, sagt auch Andreas du Bois, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie in Essen.

"Verschoben oder nicht ausgeführt"

Auch, wenn es hierbei nicht um Massenabbrüche der Behandlungen geht, bekomme die Deutsche Krebshilfe in den letzten Tagen viele Patientenanrufe. Diese würden melden, dass ihre Behandlungen aufgrund der Corona-Krise verschoben wurden, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Doro Werkman.

Gerd Nettkoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, erzählt, dass beispielsweise wichtige diagnostische Maßnahmen verschoben oder gar nicht ausgeführt wurden. Auch Chemo- oder Strahlentherapien wurden vertagt oder ganz abgesagt.

"Es wurden beispielsweise wichtige diagnostische Maßnahmen verschoben oder nicht ausgeführt. Auch therapeutische Maßnahmen, wie zum Beispiel die Chemo-Therapie oder Strahlentherapie."
Gerd Nettkoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe

Das hat so auch die Brustkrebspatientin Anna Russo aus München erlebt.

Patienten werden in Unsicherheit gelassen

Anna Russo hat Brustkrebs, der bereits seine Metastasen in ihrem Kiefer gestreut hat. Sie hätte eigentlich eine wichtige Untersuchung, eine PET-CT, gehabt. Dabei sollte nachgeschaut werden, wie die bisherige Strahlentherapie angeschlagen hat und welche weiteren Schritte unternommen werden sollten. Der Termin wurde ihr abgesagt – mit einem ironischen Verweis auf das Corona-Virus.

"Der Mitarbeiter am Telefon war ziemlich ironisch: 'Wissen Sie nicht vom Corona-Virus?' Ich habe gesagt: Sicher? Aber wie geht es für mich jetzt weiter? Und er hat einfach geantwortet: 'Der Termin kann jetzt aufgrund des Corona-Virus nicht stattfinden.'"
Anna Russo, Brustkrebspatientin

Der neue Termin ihrer PET-CT ist erst Mitte Mai. Anna Russo wird nun also zwei Monate in der Ungewissheit gehalten und weiß nicht, wie sich ihr Tumor in den kommenden Wochen verhalten wird. Ihre große Angst sei, dass die Metastasen den Kieferknochen irreparabel zerstören könnten, weil sie durch ihre abgesagte Untersuchung weitere, wichtige Behandlungen verpasse.

Unbegründete Absage

Eine Begründung des Krankenhauses, warum Anna Russos Behandlung verschoben wurde, wurde auf Anfrage nicht abgegeben. Es ist also unklar, ob das PET-CT-Gerät eine Rolle spielt oder das entsprechende Personal - beispielsweise in der Intensivmedizin für Corona-Patienten - gebraucht werde, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Doro Werkman.

Jeder Fall ist anders

Für Martin Schuler steht fest, dass für jeden Fall einzeln entschieden werden müsse. Zudem, ob eine Verzögerung überhaupt möglich sei und wenn ja, in welchem Rahmen.

Doch diese Entscheidung sei nicht leicht zu treffen, erklärt Andreas du Bois, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie in Essen. Es sei nur sehr schwer einzuschätzen, welche Tumore einen langsameren und welche einen schnelleren Verlauf hätten. Bei den schnelleren Verläufen dürfe überhaupt keine Zeitverzögerung erlaubt sein.

"Es ist sehr schwer, das einzuschätzen. Es gibt Tumoren, die einen langsameren Verlauf haben, es gibt Tumoren, wo wir einen sehr schnellen Verlauf haben, wo überhaupt kein Zeitverzug im Prinzip erlaubt ist."
Andreas du Bois, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie in Essen

Auch Andreas du Bois sei klar, dass aufgrund der Corona-Pandemie und der Vorbereitung auf die schweren Krankheitsfälle, Ressourcen in den Krankenhäusern geschaffen werden müssten. Seiner Meinung nach dürften aber speziell in der Krebsmedizin keine OPs verschoben werden. Man spiele mit dem Leben der Patienten.

"Wenn man da zu viele Kompromisse macht oder Verzögerungen oder gar Therapien unterbricht, dann spielt man da mit dem Leben der Patienten."
Andreas du Bois, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie in Essen

Ein persönliches Dilemma

Im Tumorzentrum der Uniklinik Essen werden bisher alle laufenden Krebsbehandlungen fortgeführt wie geplant. Dass er jedoch vielen neuen Patienten absagen müsse, da er damit rechnen müsse, dass in zwei Wochen bereits aufgenommene Patienten seine Hilfe bräuchten, sei für Martin Schuler als Krebsmediziner ein persönliches Dilemma. Das sei eine schwere ethische Abwägung.

Deswegen sei es für Martin Schuler derzeit vor allem wichtig, die Diskussion, was eigentlich "planbare, verschiebbare OPs" seien, prominenter in die öffentliche Diskussion zu bringen.