Damit die Demokratie überlebt, müssen demokratische Parteien die "stille Mitte" der Gesellschaft zurückerobern. Dieser Überzeugung ist der ehemalige Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle.
Demokratien weltweit stecken in der Krise - auch die in Deutschland. Der Jurist Andreas Voßkuhle warnt, dass es sich bei der Demokratie "um ein vorübergehendes Phänomen" handeln könnte, wenn die Gefahr autoritärer, rechtspopulistischer, rechtsextremer Parteien nicht eingehegt werde.
AfD-Wähler müssten gezielt angesprochen und für die Demokratie zurückgewonnen werden, sagt der ehemalige Bundesverfassungsgerichtspräsident in seinem Vortrag. Es lohne sich, um jede einzelne Stimme zu kämpfen.
"Die tiefgreifende Individualisierung der Gesellschaft beschleunigt den Zerfall des traditionellen Parteiensystems, das auf die kollektive Bündelung von Interessen ausgelegt ist."
Andreas Voßkuhle analysiert in einem ersten Schritt, was gerade passiert, wieso das prinzipielle Misstrauen der Bürger gegenüber der Demokratie aktuell so bedrohliche Ausmaße annimmt.
Dann untersucht er, welche Argumente aller Kritik zum Trotz für demokratische Gesellschaftsformen sprechen. Unter anderem erklärt er: Ohne Demokratie kein Rechtsstaat.
Politische Angebote an die "stille Mitte"
Er argumentiert mit den Ergebnissen der Bertelsmann-Studie "Selbstbeschädigung der Mitte". Diese unterscheidet mehrere sogenannte Sinus-Milieus, die zumindest in Teilen von demokratischen Parteien zurückerobert werden müssten, wenn die Demokratie nicht langfristig Schaden nehmen soll.
"Das große Versprechen der Demokratie, die gleiche Teilhabe an der politischen Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse, hat nicht an Attraktivität eingebüßt."
Die relevanten Milieus seien demnach die folgenden:
- prekäres Milieu
- nostalgisch-bürgerliches Milieu
- adaptiv-pragmatisches Milieu
Diese "stille Mitte" habe sich aus unterschiedlichen Motivationen heraus von demokratischen Parteien abgewandt. Politisch müssten ihr Angebote gemacht werden. Drei Vorschläge führt Andreas Voßkuhle dafür in seinem Vortrag aus:
- den Staat handlungsfähiger machen per Staatsreform
- Politik und öffentlicher Dienst müssten ihre Veränderungsbereitschaft glaubwürdig verkörpern
- mehr (analoge) Begegnungsorte
"Wenn wir Teile der stillen Mitte nicht zurückgewinnen, wird das demokratische Zeitalter der Bundesrepublik bald der Vergangenheit angehören."
Andreas Voßkuhle lehrt Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Bis zum Sommer 2020 war er zudem Präsident des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Seinen Vortrag "Der Verlust der Mitte und die Krise der Demokratie" hat er am 10. November 2025 in der Aula der Uni Freiburg gehalten.
- Vortragsbeginn
- Gründe für eine Verteidigung der Demokratie
- Wie Menschen für Demokratie zurückgewonnen werden können
- Drei konkrete Vorschläge
