Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Ariadne von Schirach ist davon überzeugt, dass wir in einer psychotischen Gesellschaft leben. Sie sagt: "Wir kommen gerade einfach nicht mehr mit!"

Ariadne von Schirach vergleicht die Merkmale einer Psychose, von der Einzelne betroffen sind, mit denen unserer Gesellschaft. Dabei ist entweder das Ich- oder das Wir-Gefühl gestört. Nach medizinischen Kriterien ist eine Psychose immer ein persönlicher Ausnahmezustand, in der ein Mensch den Kontakt zur Außenwelt verliert. Die betroffene Person weiß nicht mehr, was angemessen, sinnvoll oder identitätsstiftend ist und lebt gedanklich in einer irrealen Welt.

Die gespaltene Gesellschaft

Mittlerweile ließen sich ähnliche Symptome, die bei erkrankten Individuen augenfällig seien, auch in Bezug auf die Gesellschaft insgesamt feststellen. Weder das Zusammenleben von Jung und Alt noch das von Arm und Reich funktioniere bei uns. Weitere Unterschiede kommen laut Ariadne von Schirach hinzu. Wir seien extrem gespalten, sagt sie: zwischen Querdenkern, Fake-News-Verbreitenden, Corona-Leugner*innen und Digitalsüchtigen auf der einen Seite und jenen, die ihr Leben und den Sinn nicht aus den Augen verloren hätten auf der anderen Seite.

"Wir sind vor lauter Ökonomisierung, Leistungsdenken, Konkurrenz und Gewinnmaximierung so sehr von der Wahrheit des Lebens weggerückt, dass wir tatsächlich verrückt sind."
Ariadne von Schirach, Philosophin

Die Störungen des Ich- und Wir-Erlebens entstünden unter anderem auch durch neue Ablenkungsmöglichkeiten, so die Philosophin. Sie meint damit das unendliche Angebot an Filmen und Serien im Netz, Breaking News und nicht zuletzt unsere permanenten Social-Media-Aktivitäten. Sie bezeichnet all diese Dinge als "Realitätsfluchthelfer", die als "Unendlichkeitsmaschinen" unseren Geist beschäftigt halten. Laut von Schirach haben sie bereits unser Dopaminsystem gekapert und süchtig gemacht. Die Kritikerin kommt zu dem Schluss: "Und wer süchtig ist, hat keine Zeit mehr nachzudenken und auch keine Motivation mehr zu handeln."

Die Universitätsklinik Bochum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hat am 5. und 6. November 2021 zu einem Symposium unter dem Titel "Beschleunigung und Entschleunigung - immer schneller, immer höher, immer weiter war gestern" eingeladen.

Die Kritikerin und Buchautorin Ariadne von Schirach hat in essayistischer Form auf dem Symposium unter dem Titel "Die psychotische Gesellschaft" vorgetragen. Von Schirach hat Philosophie, Soziologie und Psychologie studiert.