Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz leiden auch Helfer, Polizisten, Feuerwehrleute unter den Folgen. Zwar bekamen sie schnelle Hilfe - doch gerade diese Hilfe könnte einiges schlimmer gemacht haben.

Am Abend des 19.12.2016 gingen die ersten Notrufe bei Feuerwehr und Polizei in Berlin ein. Ein Laster ist in einen Weihnachtsmarkt gerast. Heute wissen wir: Das war ein Terroranschlag, der 12 Tote und 70 Verletzte forderte. Manche von ihnen werden mit den Folgen leben müssen. Aber auch die Helfer - Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste,- die zum Weihnachtmarkt kamen, verfolgt der Anschlag bis heute. Eine Studie legt nun nahe, dass der Umgang der Krisenintervention nach dem Einsatz für diese Rettungskräfte überdacht werden sollte. 

Es gibt Hilfe für die Helfer. Viele haben sie direkt nach dem Einsatz bekommen. Doch gerade diese Hilfe könnte vielleicht einiges schlimmer gemacht haben. Das jedenfalls legt die Untersuchung nahe, die Ulrich Wesemann durchgeführt hat. Er ist Psychologe am Traumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin. Normalerweise beschäftigt er sich mit traumatisierten Soldaten und Soldatinnen – jetzt mit zivilen Helfern und Helferinnen.

Mehr psychische Probleme nach Krisenintervention 

Wesemanns Studie zeigt, dass es naheliegend sei, dass einige der Helfer massive Probleme entwickelt hätten. Eine weitere Erkenntnis dieser Untersuchungen sei zudem, dass gerade die Erstversorgung der Helfer zu Problemen geführt haben könnte. Zwar könne nicht konkret nachgewiesen werden, dass die Teilnehmer der Erstversorgung mehr Probleme entwickelt hätten - allerdings hätten laut Fragebögen die Menschen, die an der Erstversorgung teilgenommen hätten, mehr psychische Belastungen gezeigt, als die, die nicht an den Kriseninterventionen teilgenommen hätten, erklärt der Psychologe. 

"Die Leute, die an den Kriseninterventionen teilgenommen haben, haben insgesamt schlechter abgeschnitten haben, als die Personen und Helfer, die eben nicht an diesen Kriseninterventionen teilgenommen haben."
Ulrich Wesemann über Ergebnisse seiner Studie

Zurückzuführen sei dies möglicherweise aber auch darauf, dass diese Personen von vorne herein stärker belastet gewesen seien und sich diese Hilfe aus diesen Gründen gesucht hätten. Ein Teil der entwickelten Symptome könne dennoch auf die Krisenintervention zurückgeführt werden, so Wesemann. So seien etwa bei den Rettungskräften Verschlechterungen in der Lebensqualität gefunden worden. Zudem auch eine Verschlechterung mit Blick auf phobische Symptome, also Angstzuständen vor spezifischen Situationen wie in einer Ansammlung großer Menschenmengen.

Die Ausprägungen sind je nach Rettungsdienst unterschiedlich

Die verschiedenen Gruppierungen der Helfer wie Polizei, Feuerwehr oder Rettungsärzte wiesen dabei verschiedene Ausprägungen dieser Symptome auf. Feuerwehrleute litten dabei vermehrt an einer eingeschränkten umweltbezogenen Lebensqualität, und Polizisten dagegen mehr unter Feindseligkeit und Aggression. Darüber hinaus erlebten weibliche Helfer mehr paranoide Gedanken und auch Stress massiver als ihre männlichen Kollegen. 

Wichtige Erkenntnisse für eine Verbesserung in der Krisenintervention

Aus den gewonnen Erkenntnissen könnten Modifikationen für die bisher stattfindenden Maßnahmen abgeleitet werden, so Wesemann. Ersetzt werden müssten die Komponenten, die sehr stark auf das Erleben während des Einsatzes einwirkten. 

Bisher würden die Einsatzkräfte direkt nach dem Einsatz gebeten, ihre Erlebnisse noch einmal zu schildern. So erführen die Emotionen, die während des Einsatzes wahrgenommen worden sind, eine Reaktivierung. Auf diese solle künftig verzichtet werden. Statt dieser Vorgehensweise solle künftig ausschließlich auf aktuelle Emotionen eingegangen werden, sagt der Psychologe.