Jüngere finden Nachhaltigkeit gut, handeln aber nicht danach. Diese steile These möchte eine Studie gerne unterfüttern. Unsere Reporterin hat begründete Zweifel.

Junge Erwachsenen würden Nachhaltigkeit und Klimaschutz nur fordern, handelten aber selbst nicht im Einklang damit. Eine repräsentative Studie im Auftrag der Zurich Versicherung scheint diese These zu bestätigen. Die Überschrift zur Auswertung lautet: "Nachhaltigkeit ja. Aber nur, wenn sie keine Umstände macht."

Für die Umfrage hat das Versicherungsunternehmen, das "nachhaltige Devisenanlangen" vermarktet, im Sommer 2020 das Marktforschungsunternehmen Toluna beauftragt, 1000 Menschen ab 18 Jahren und weitere 500 Menschen zwischen 18 und 35 Jahren zu befragen.

Geringe Aussagekraft

Zunächst mussten die Befragen angeben, wie nachhaltig sie sich allgemein im Alltag verhalten. Von allen Befragten glaubt ein gutes Viertel, sehr auf Nachhaltigkeit zu achten. Bei den 18- bis 35-Jährigen war es mehr als ein Drittel.

In der Folge wurden konkretere Auskünfte zum Konsumverhalten eingeholt. So wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beispielsweise gefragt, ob sie beim Einkauf von Elektrogeräten auf Energie-Effizienz und Langlebigkeit achten. Im Durchschnitt gaben neun von zehn Befragten an, dass sie das tun. Das entspricht 88 Prozent. In der Gruppe der 18- bis 35-Jährigen waren es 80 Prozent.

Laut der Befragung achten 67 Prozent der jüngeren Befragten darauf, Plastikverpackungen zu vermeiden. Im Durchschnitt sind es 73 Prozent.

Auch bei den Sport- und Freizeitaktivitäten, wenn es zum Beispiel um Skifahren oder Tauchen, zeigen 18-35 Jährige etwas weniger Bereitschaft darauf zu verzichten.

Ein konstruierter Gegensatz

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Verena von Keitz ist der Ansicht, dass in der Studie trotz der überwiegend geringfügigen Unterschiede zwischen den Altersgruppen Gegensätze aufgemacht beziehungsweise konstruiert werden. Dabei liegen die Zahlen nicht dramatisch weit auseinander.

"Hier wird der Eindruck erweckt, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen – indem diese Punkte hervorgehoben werden."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Fragen und die Antwortmöglichkeiten der Studie lassen kaum Rückschlüsse auf konkrete Handlungen zu. Katharina Beyerl kann das bestätigen. Sie arbeitet als Umweltpsychologin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam.

"Der Anspruch: Umweltschutz ist mir wichtig, sagt noch lange nicht, ob jemand vegan lebt, Fleisch isst oder sich anderweitig nachhaltig verhält. In der Psychologie ist das sehr wichtig, wie konkret man Einstellung oder Anspruch abfragt."
Katharina Beyerl, Umweltpsychologin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam

Wollen Forschende mit einer Studie herausfinden, ob Menschen beispielsweise regionale Produkte einkaufen, müssen sie das auch konkret gefragt werden.

Nachhaltigkeit – konkrete Fragemöglichkeiten

  • Wie oft kaufst du wöchentlich regionale Produkte?

Alternativen zu dieser konkreten Art des Fragens sind andere empirische Methoden:

  • Tagebuch zu Einkaufsgewohnheiten führen lassen
  • Direkte Beobachtung des Einkaufsverhaltens

Katharina Beyerl findet, dass die Gruppe der 18- bis 35-Jährigen zu undifferenziert ausgewählt ist, um wirklich präzise Aussagen zum Konsumverhalten machen zu können. Sie weist darauf hin, dass gerade in dieser Gruppe Menschen in Ausbildung, Studierende, Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger zusammengewürfelt werden. Für sie ist klar, dass zwischen diesen Gruppen vom Einkaufsverhalten und vom verfügbaren Einkommen her erhebliche Unterschiede bestehen.

"Wenn man 18- bis 35-Jährige wirklich so nach Altersgruppe zusammenfasst, wird zu viel zusammengeschmissen. Das auf eine Altersgruppe zu reduzieren, ist zwar deskriptiv möglich, aber inhaltlich nicht sonderlich aussagekräftig."
Katharina Beyerl, Umweltpsychologin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam

Ein Gutes hat die Studie für Verena dann doch: "Es wird mehr über nachhaltiges Leben gesprochen – die sozialen Normen verschieben sich – was dann vielleicht dazu führt, dass es irgendwann nicht mehr bequemer ist, sich wenig nachhaltig zu verhalten."