Wenn wir uns anstrengen, um uns etwas zu merken, klappt es manchmal trotzdem nicht. Oder eben gerade deswegen nicht, sagen Forschende jetzt.

Eigentlich würde man denken, dass es uns besonder leicht fällt, uns etwas zu merken, wenn wir uns bemühen. Die Annahme, die dahinter steckt: Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas fokussieren und uns anstrengen, dann prägt sich eine Information umso leichter ins Arbeitsgedächtnis ein.

Das Arbeitsgedächtnis ist der Teil des Gehirns, der Informationen speichert, die für kurze Zeit wichtig sind. Also das, was uns gerade beschäftigt. Wenn eine Information nicht mehr wichtig ist, dann sagt das Gehirn: Weg damit.

Zu viel Fokus kann kontraproduktiv sein

Eine Studie aus China zeigt jetzt allerdings, dass das Gehirn doch anders funktioniert, als das bisher angenommen wurde: Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richten, – dann kann das Arbeitsgedächtnis auch blockieren und die entsprechende Information wird dann nicht gespeichert.

"Man sollte zumindest einfach bedenken, dass das Gehirn sehr viel selektiver arbeitet, als wir das annehmen, sagen die Forschenden."
Anne Tepper, Deutschlandfunk Nova

Die Forschenden haben verschiedene Experimente durchgeführt, um ihre These zu prüfen.

Die Teilnehmenden bekamen zum Beispiel Gegenstände gezeigt – und sollten sich dann ein bestimmtes Merkmal merken. Also ihnen wurde ein gelbes Dreieck gezeigt – und sie sollten sich dessen Farbe einprägen.

Zwischendurch wurden die Teilnehmenden bewusst von der Aufgabe abgelenkt. Am Ende des Versuches wurde ihnen ein Dreieck in einer anderen Farbe gezeigt und die Probanden sollten erkennen, worin dieses Objekt von dem zuerst gezeigten unterschieden hat.

Gehirn "entscheidet" selbst, welche Details gespeichert werden

Ein Zwischentest hat den Forschenden gezeigt, dass sich die Teilnehmenden oft stärker auf die Form des Dreiecks konzentriert haben als auf seine Farbe. Die Aufgabe war es aber, sich die Farbe zu merken.

Demzufolge hat sich das Gehirn auf unwichtige Details fokussiert, sozusagen selbst entschieden, welcher Aspekt in den Speicher des Arbeitsgedächtnisses aufgenommen wird und welcher nicht.

Also ganz unabhängig vom Willen der Teilnehmenden. Diese Beobachtung wurde in weiteren Experimenten bestätigt.

Die Erkenntnisse der Forschenden könnten künftig möglicherweise auch in der Trauma-Therapie genutzt werden.

In manchen Fällen werde in der Psychotherapie bei post-traumatischen Stressbelastungen damit gearbeitet, dass Betroffene bestimmte belastenden Situationen vergessen sollen, indem sie nicht mehr daran denken.

Aber mit den Erkenntnissen aus der Studie könnte man es auch umgekehrt versuchen und möglicherweise die Aufmerksamkeit einer Person nutzen, statt damit zu arbeiten, dass Erinnerungen ausgeblendet werden sollen.

Allerdings sagen die Forschenden auch, dass die bisherigen Ergebnisse nur ein kleiner Hinweis darauf seien und man diese Möglichkeit noch weiter erforschen müsse.

Gehirn arbeitet selektiv

Auch Augenzeugenberichte zeigen, wie selektiv das Gehirn arbeitet: Sie werden zwar vor Gericht genutzt, aber man weiß auch, dass sie sich im Nachhinein verändern können beziehungsweise, dass wir uns möglicherweise einfach an falsche oder unwichtige Details erinnern.