Viele Arbeitslose und eine schlechte wirtschaftliche Situation: Bislang haben viele angenommen, dass die grundsätzliche Stimmung in ostdeutschen Bundesländern deshalb so schlecht sei. Doch neuere Forschungsergebnisse lassen auf andere Gründe schließen. Die Sozialwissenschaftler Katja Salomo und Marcel Helbig erklären die aktuelle Situation in Thüringen.

Abwanderung, immer mehr ältere Menschen und zu wenig Frauen: Unter anderem diese drei Faktoren machen vor allem in den ländlichen Gebieten Thüringens die größten Sorgen. Inzwischen ist die Arbeitslosenquote zwar etwas gesunken, dennoch fühlen sich die meisten Thüringerinnen und Thüringer weiterhin zurückgesetzt. Katja Salomo geht bei ihren Untersuchungen davon aus, dass sich die Menschen ihrer Stellung in unserem demokratischen Staat grundsätzlich bewusst sind und diese reflektieren.

"Das ist die Angst, auf die Verliererseite des Lebens zu geraten, und eine gefühlte Benachteiligung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft."
Katja Salomo, Sozialforscherin

Katja Salomo erläutert, dass Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, dem politischen System die Schuld geben und zunehmend das Vertrauen in die Demokratie verlieren. Sie illustriert das am Männerüberschuss des Ilm-Kreises. Dort kommen auf 129 Männer nur noch 100 Frauen im heiratsfähigen Alter. So entstehe ein Teufelskreis: Wo wenig junge Paare leben, gibt es weniger Kinder und auch weniger Straßenfeste oder Sportvereine.

Salomo: Mehrheit der Thüringer fühlt sich sozial depriviert

An allem, was das Leben schön mache, fehle es dann mehr als anderswo. Und das führe zu Abstiegsängsten und unguten Gefühlen der Demokratie gegenüber. Die Mehrheit der Thüringer fühlt sich sozial relativ depriviert, schlussfolgert Katja Salomo in ihrem Vortrag.

Demografischer Wandel: Thüringens Bevölkerung wird älter

Sozialwissenschaftler Marcel Helbig von der Uni Erfurt ergänzt, dass der Bevölkerungsschwund in Thüringen von zweieinhalb Millionen 1992 auf nur noch geschätzte zwei Millionen heute dieses Gefühl noch antreiben werde.

"Es kann überhaupt kein Wachstum geben in einer alternden Gesellschaft."
Marcel Helbig, Sozialwissenschaftler

Zwar herrscht laut Marcel Helbig in vielen Regionen Thüringens nahezu Vollbeschäftigung – etwas, das vor fünfzehn Jahren niemand zu prognostizieren gewagt hätte. Dennoch, darin sind sich beide Wissenschaftler einig, komme dieser Aufschwung bei den Menschen nicht an.

Der Vortrag

Wie leben wir in Thüringen? Am 9. September 2019 präsentierte das Erfurter Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen den "2. Thüringer Sozialstrukturatlas"und somit die aktuellen Daten über die Lebenssituation der Thüringer Bevölkerung.

Die Ergebnisse vorgetragen haben die Sozialwissenschaftler Katja Salomo von der Universität Jena und Marcel Helbig von der Universität Erfurt. Beide arbeiten auch am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WZB.