Vater, Mutter, Kind - so einfach ist das nicht bei den Khmu. Die Hausgemeinschaft ist die kleinste soziale Einheit, hat die Ethnologin Rosalie Stolz herausgefunden. Sie lebte ein Jahr lang in einem Bergdorf in Laos und forscht über die Verwandtschaftssysteme der Khmu.

Um überhaupt einen Einblick in die Welt der Khmu zu bekommen, hat sich die Ethnologin Rosalie Stolz vor ihrer Reise grob die Sprache der Khmu angeeignet. Tatsächlich hat sie die Sprache aber erst in dem Bergdorf Ban Phoulet von den Bewohner gelernt. Immer wieder haben sie Rosalie Wörter vorgesprochen, bis sie sich so gut verständigen konnte, dass sie für ihre Forschung Interviews mit den Dorfbewohnern über ihre Verwandtschaftsstrukturen führen konnte.

"Die Menschen, die in einem Haus leben, bilden eine Einheit, die mehr ist als die Summe der Mitglieder."
Rosalie Stolz, Ethnologin

Um diese Strukturen zu analysieren, musste sich Rosalie zunächst auf diesen völlig neuen und andersartigen kulturellen Kontext einlassen: Welche sozialen Identitäten gibt es überhaupt, wie funktionieren die soziale Beziehungen, wie gestaltet sich das Wechselspiel von verwandtschaftlichen Strukturen, wie stellt sich die alltägliche soziale Interaktion dar und was heißt überhaupt Verwandtschaft?

Das Bergdorf Ban Phoulet
© DRadio Wissen | Rosalie Stolz
Das Bergdorf Ban Phoulet

Das Konzept der Familie gibt es in Ban Phoulet nicht. Kinder wachsen zwar gemeinsam auf, es gibt auch Elternschaftsbeziehungen, erklärt Rosalie, aber das Wichtige im Alltag sei nicht die Familie mit einem bilateralen Verwandtschaftssystem wie bei uns. "Das Haus in dem Bergdorf ist nicht nur ein architektonisches Gebilde, in dem die Personen leben, sondern es hat eine wichtige rituelle Funktion", sagt Rosalie. Das Haus ist die kleinste soziale Einheit und als Repräsentant fungiert der Hausvater oder die Hausmutter.

"Das Konzept der Familie hat kein lokales Pendant. Ich habe dann herausgefunden, dass Häuser zum Beispiel ganz entscheidend sind."
Rosalie Stolz, Ethnologin

Völlig unberührte Dörfer gibt es in Laos nicht mehr, sagt Rosalie, dass sei eine Illusion, die Touristen verkauft werde. Viele Dörfer seien zwischen 1970 bis 1990 auch umgesiedelt worden, daher herrsche sehr viel Bewegung in den Dorfgemeinschaften. Das Dorf sei immer noch ein Institution in Laos. Die Städte seien noch nicht sehr groß und die Urbanisierung schreite eher langsam voran.

"Mobilität ist auch immer eine Frage von sozialer Mobilität. Am besten ist es, du hast jemanden dabei, der dich unterstützt, Eindrücke zu verstehen und Kontakte herzustellen."
Rosalie Stolz, Ethnologin

Rosalie hat das Dorf Ban Phoulet ausgewählt, das circa 500 Einwohner hat, weil es strategisch günstig für sie an einer unbefestigten Straße lag. Sie lebte mit ihrem Mann und ihrem Sohn ein Jahr lang in dem Dorf in einer Art Gästehaus. Mit dem Moped gelangte sie mit ihrem Mann innerhalb von 20 Minuten an die befestigte Transitstraße, die von China nach Thailand führt. Über diese Route sind die nächst größeren Städte oder Bushaltestellen schnell erreichbar.

Rosalies Forschung wird von a.r.t.e.s. Graduiertenschule der Philosophischen Fakultät der Universität Köln finanziert.