Zwischen 6 und 20 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll. Das zunehmende Bewusstsein für diesen Überfluss befördert unterschiedliche Phänomene, ihn zu verwerten. Zwei davon diskutieren wir heute im Hörsaal.

Auf der einen Seite werden in Deutschland tonnenweise Lebensmittel weggeworfen, die man noch essen könnte. Auf der anderen Seite müssen sich auch in diesem wohlhabenden Land Millionen Menschen sorgen, wie sie ihren Teller günstig und vollwertig gefüllt bekommen: Mehr als 8 Prozent der Deutschen muss aus finanziellen Gründen häufiger auf eine vollwertige Mahlzeit verzichten, das stellt das Statistische Bundesamt im Mai 2014 für den Zeitraum 2012 fest - das sind rund sechseinhalb Millionen Menschen.

Die gemeinnützigen Organisationen unter dem Dachnamen "Die Tafeln" wollen eine "Brücke zwischen Überfluss und Mangel" schaffen. Nach eigenen Angaben versorgen sie bundesweit regelmäßig über 1,5 Millionen Bedürftige mit Lebensmitteln, die im Müll landen würden aber "qualitativ einwandfrei" sind,

Nicht die Lösung des eigentlichen Problems

Im Prinzip sei das ja ein guter Gedanke, meint der Jenaer Soziologe Stephan Lorenz, der die Tafeln wissenschaftlich untersucht, nur helfe das Tafel-Prinzip nicht, das eigentliche Problem zu lösen.

"Die Tafeln sind ein Symptom sozialer und ökologischer Probleme unserer Überflussgesellschaft, aber kein Beitrag zu ihrer Überwindung. Wenn sich zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Ausgrenzung engagieren wollen, müssen sie sich vor allem für verbesserte Rechte einsetzen", sagt Lorenz. Seine ernüchternde Bilanz zum Prinzip der Tafeln hat Lorenz im September 2014 im Rahmen des Symposiums "Die Gabe der Kooperation" formuliert. Das Duisburger Käte Hamburger Kolleg und das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) hatten dazu im Rahmen der Ruhrtriennale eingeladen, um zu diskutieren, "welches Potenzial die Gabe des Essens hat, vor allem im Blick auf die globale Kooperation in der Weltgesellschaft".

"Ich fühl mich hier als Gast."
Besucherin der Tafel-Kantine Wuppertal

Auch Christine Unrau hat zu diesem Symposium beigetragen. Sie ist Regionalwissenschaftlerin, Doktorandin am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Uni Köln und Wissenschaftliche Hilfskraft am Käte Hamburger Kolleg. Sie arbeitet an einer Feldforschung zum Containern, also dem Sammeln und Verwerten von weggeworfenen Lebensmitteln aus dem Müll zum Beispiel von Supermärkten.

Sie beobachtet, dass es selten die Not ist, die die Mülltaucher hierzulande antreibt, die ja immerhin auch gesundheitliche Risiken eingehen und eigentlich einen Diebstahl begehen - auch Müll hat juristisch gesehen einen Eigentümer. Sie interessiert sich daher besonders für die Motive der Mülltaucher. Ihr erstes Fazit in Ihrem Vortrag: Zum Beispiel hegen viele Mülltaucher den Wunsch, Lebensmittel zu "retten". Auch der Schatzsuche-Charakter der Beutezüge sei für viele wichtig.